taz.de -- Treptow-Köpenick vor der Wahl: Alles am Fluss
In Treptow-Köpenick wecken Natur und Freiraum Begehrlichkeiten für Bauprojekte. Junge Menschen kämpfen dafür, dass die Subkultur nicht zu kurz kommt.
Bild: Bezirksstadträtoin Claudia Leistner am Skatepark
Abends steht die Julisonne so tief, dass sie seitlich zwischen den kolossalen Stahlbögen der Minna-Todenhagen-Brücke in Schöneweide hindurchscheint. Die Graffiti auf den Betonsockeln leuchten auf, die Asphaltfläche ringsherum glänzt in warmem Licht. Dort, in den letzten Sonnenstrahlen des Tages, üben ein Mädchen auf einem Skateboard, ein Jugendlicher auf einem Stunt-Roller und ein BMXer Tricks an Aufbauten aus Holz, die verstreut herumstehen: Rampen, Bänke, ein langgezogenes, halbrundes Etwas.
Der junge Mann auf dem Bike heizt eine Rampe hoch, springt ab, dreht sich, stürzt, flucht. Setzt sich an den Rand. Er stellt sich vor als Jonas, seine Beine sind übersät mit Schrammen. Er komme öfter hier hin, erzählt Jonas, früher habe er in der Nähe gewohnt. „Es ist toll, dass es diesen Ort gibt und er so gut funktioniert. Vor allem, weil die Leute ihn selbst erkämpft haben“, sagt er.
Ausgerechnet die Minna-Todenhagen-Brücke – oder eher die Fläche unter ihr am linken Spreeufer – entwickelt sich gerade zu einem Treffpunkt für junge Menschen und Subkultur in Treptow-Köpenick. Dabei diente die Brücke eigentlich vor allem dem Anschluss des Autoverkehrs östlich der Spree an die westlich gelegene Stadtautobahn.
Oben, vom Brückengeländer betrachtet, entfaltet sich eine typische Kulisse für den Südosten Berlins: Boote und Lastenkähne schippern auf der Spree, am Ufer wogt das Grün, durchsetzt von alter Industrie. Eine verschlafene Idylle, viel Platz und Stadtnatur. Aber genau diese Qualitäten von Treptow-Köpenick wecken in der Wohnungskrise Begehrlichkeiten. Kleingärten [1][müssen Neubauten weichen], die Späthschen Baumschulen [2][sind von einem landeseigenen Wohnungsprojekt bedroht]. Gleichzeitig ist es für junge Leute schwer, Freiräume für sich zu beanspruchen.
Eine glückliche Entdeckung
Deshalb setzen sich die Freunde Sascha Vogl und Sebastian Kirschbaum, Spitzname „Kirsche“, seit mehreren Jahren für den Skatepark unter der Brücke, genannt „das Nest“, ein. Ihnen habe etwas gefehlt hier im Kiez, in dem sie beide groß geworden sind und auch heute wohnen: „Es gab keine guten Möglichkeiten, kostenlos skaten zu gehen“, erzählt Sascha. Deshalb habe Kirsche „die Hood ausgekundschaftet“ und dabei die Fläche entdeckt. Volltreffer: „Hier kann man bei Regen, Sonne, Wind und Wetter skaten“, sagt Kirsche.
Gemeinsam mit Freund*innen bauten die heute 28-Jährigen Skate-Elemente, zunächst aus Schutt, später aus Holz, und stellten sie ab 2023 unter die Brücke. Eine scheinbar perfekte Lösung – wenn da nicht die Regeln wären. Die Obstacles, wie sie im Jargon heißen, waren natürlich weder geprüft noch genehmigt. Als das Bezirksamt Wind davon bekam, hieß es, die Objekte müssen da weg. Aber Sascha und Kirsche wollten sich nicht unterkriegen lassen. „Skaten ist eine Kultur der Aneignung und des Freiraums“, sagt Sascha. „Die Politik hat selbst gemerkt, die Jugendlichen gehen hier nicht weg.“ Gleichzeitig sei ihm klar gewesen: Um diesen Konflikt zu lösen, braucht der Bezirk einen festen Ansprechpartner.
Der Ausweg war, na klar, ein Verein. „[3][Poor Birds]“ heißt der und hat um die 60 Mitglieder. Ein erster Erfolg war, dass die Skate-Elemente bald geduldet waren. Aber Sascha, Kirsche und ihre Mitstreiter*innen wollen mehr: Sie träumen von einem Freizeitort für junge Menschen unter der Brücke. Dafür haben sie einen Beteiligungsworkshop organisiert, bei dem Jugendliche ihre Ideen einbringen konnten. Im Februar stellten sie ihren Entwurf vor. Der sieht neben einem fest angelegten Skatepark auch ein Basketballfeld, Tischtennisplatten, eine Calisthenics-Anlage und Sitzgelegenheiten vor.
Das klingt utopisch. Aber tatsächlich könnte der Traum der „Poor Birds“ in Erfüllung gehen. Denn das Bezirksamt hat beschlossen, für das Vorhaben Mittel aus dem Sondervermögen des Bundes zu beantragen. Wenn das Abgeordnetenhaus zustimmt, gibt es bald 600.000 Euro für das Projekt.
„Ich bin optimistisch, dass uns die Förderung zugesprochen wird, weil dieser Ort hier als Ganzes entwickelt werden soll“, sagt die Bezirksstadträtin für Stadtentwicklung von Treptow-Köpenick, Claudia Leistner. Die Grünen-Politikerin unterstützt das Vorhaben der Skater*innen seit Längerem. Mit den Leuten von „Poor Birds“ hat sie sich regelmäßig getroffen, man kennt und schätzt sich. „Der Workshop hat einen super Entwurf hervorgebracht. Den kann man eigentlich so übernehmen, wenn die Anlage in die Ausschreibung geht“, sagt Leistner.
Die 39-Jährige ist die erste grüne Stadträtin in Treptow-Köpenick überhaupt. Sie ist stolz auf den Skatepark, das ist deutlich zu hören. Die Förderung von Kindern und Jugendlichen im öffentlichen Raum liegt ihr, wie sie sagt, besonders am Herzen: „Mir ist wichtig, nicht nur Politik für all diejenigen zu machen, die schon da sind, sondern auch für alle, die noch kommen.“
Auch wegen solcher Erfolgserlebnisse spricht Leistner von einem „großen Privileg“, in dem Bezirk als Stadträtin tätig zu sein. Leistner ist in Rahnsdorf aufgewachsen und wohnt auch heute im Bezirk. Sie schätze die „unglaublich hohe Lebensqualität“ hier, gehe gerne am Wasser joggen. Und sie hofft auf ein gutes Wahlergebnis für ihre Partei bei der Wahl zur Bezirksverordnetenversammlung (BVV) am 20. September, denn: „Ich hab total Lust weiterzumachen!“
Zoff um Berlins einzigen AfD-Stadtrat
Allerdings müssten die Grünen dafür wohl auf 13 bis 14 Prozent der Stimmen kommen. Bei der Wiederholungswahl 2023 hatten sie 12,3 Prozent erzielt. Doch ein solches Ergebnis ist nicht garantiert. Treptow-Köpenick ist ein eher schwieriges Pflaster für die Partei. Hinzu kommt: In dem Bezirk ist der Rechtsruck deutlich spürbar, die AfD im Aufwind.
Die Partei sorgte bereits in den vergangenen Jahren für Wirbel im Bezirksamt. Denn Treptow-Köpenick ist der einzige Berliner Bezirk mit einem amtierenden AfD-Stadtrat. Bernd Geschanowski leitet seit 2016 das Amt für öffentliche Ordnung – und [4][wurde 2021 sogar wiedergewählt]. Bis heute ist unklar, wer neben den AfD-Verordneten für ihn stimmte. Auch einen Abwahlantrag hat Geschanowski 2024 überstanden.
Nach den Wahlen im September dürfte der AfD erneut die Nominierung eines Stadtrats zustehen. Eine Pflicht, den Kandidaten zu wählen, besteht aber nicht. Das haben Bezirke wie Marzahn-Hellersdorf, Lichtenberg und Spandau deutlich gemacht, wo ab 2021 – anders als noch 2016 – keine AfD-Stadträte mehr gewählt wurden und [5][sämtliche Klagen der AfD dagegen scheiterten].
Ein Blick auf [6][die Wahlkarte] zeigt, dass sich die politischen Mehrheiten zwischen den einzelnen Ortsteilen des Bezirks teils deutlich unterscheiden. Kein Wunder, Treptow-Köpenick reicht von der Innenstadt bis an den Stadtrand. Linke und Grüne dominieren in den zentraler gelegenen Ortsteilen wie Alt-Treptow und Baumschulenweg, wohingegen etwa Randlagen wie Bohnsdorf, Altglienicke und Schmöckwitz CDU-schwarz eingefärbt sind – mit einzelnen AfD-Flecken.
Ähnlich stark unterscheiden sich die Lebensrealitäten und Probleme in dem Bezirk. Während manche an Spree, Dahme und Müggelsee einen Bootsanleger vor der Haustür haben, ist an der Elsenstraße in Alt-Treptow alles zubetoniert. Dreispurig rauschen hier die Linksabbieger in Richtung des neuen Abschnitts der Stadtautobahn A100.
Zwischennutzung für leerstehenden Kino-Klotz
Die Straße wirkt wie ein Mahnmal der verfehlten Stadtplanung der 1990er Jahre. Hier fristet ein [7][zu großen Teilen leerstehendes Einkaufszentrum] ein trauriges Dasein und das „Cinestar“-Kino gegenüber hat seit Anfang Januar komplett geschlossen. Angeblich hat der Eigentümer, die „Aroundtown SA“, vor, den Betonklotz in ein Hotel umzubauen. Ein Zeitplan ist nicht bekannt.
Aber es gibt Menschen im Kiez, die sich damit nicht abfinden wollen: In der Initiative „Traumfabrik Treptow“ haben sich ehemalige Mitarbeiter*innen des Kinos, Anwohner*innen und Künstler*innen zusammengeschlossen. Sie setzen sich dafür ein, dass im ehemaligen Kino ein Raum für Kultur und Sozialangebote entsteht. „Neun Kinosäle, ein großer Bürotrakt und jede Menge Raum und Freifläche sind ungenutzt“, sagt Alexander Damm von der Initiative. Er hat selbst vier Jahre in dem Kino gearbeitet.
„Wir schlagen ein soziokulturelles Mischkonzept an dem Standort vor“, erklärt Damm. Vom Bandproberaum bis zur Werkstatt soll vieles möglich sein. Ein Aufruf der Initiative habe großes Interesse geweckt, berichtet Damm: Gemeldet hätten sich Bands, Theater, Performancekollektive, ein Chor.
Die Initiative hat dem Eigentümer einen konkreten Vorschlag unterbreitet: In einer Pilotphase soll bis Ende 2026 der Kulturbetrieb in einem abtrennbaren Teil des Gebäudes stattfinden. Anschließend soll das gesamte Gebäude mit einem „Mischkonzept aus kulturellen und sozialen Elementen“ bespielt werden.
Doch bislang rührt sich die „Aroundtown SA“ nicht. Deshalb hat die Initiative vor Kurzem [8][eine Petition gestartet] – mit einiger Resonanz. Neben Musikern wie Jared Hasselhoff und MC Fitti kamen auch Bezirkspolitiker*innen [9][zum Petitionsstart ans Kino].
Auch Stadträtin Claudia Leistner war da. „Hier darf kein neuer Lost Place entstehen“, fordert Leistner. „Das Kino ist wie geschaffen, um einen lebendigen Ort für Kultur und Nachbarschaft einzurichten.“ Aber hier kann auch sie als Stadträtin nicht viel mehr ausrichten, als die Petition zu unterschreiben. Denn fast alles hängt vom privaten Eigentümer ab.
Während das Kino also vorerst verschlossen bleibt, herrscht im „Nest“ unter der Minna-Todenhagen-Brücke einige Kilometer weiter südöstlich reger Betrieb. Sascha Vogl und Sebastian Kirschbaum blicken gespannt auf die Wahl. Ihnen sei klar, dass andere politische Kräfteverhältnisse im Bezirk ihnen das Leben schwer machen könnten. „Wir haben schon im Jugendhilfeausschuss gemerkt, dass wir von einigen Parteien eher Gegenwind bekommen“, sagt Sascha. Aber diesen Ort lassen sie sich nicht mehr nehmen. Eine Sache habe er in den letzten Jahren gelernt und wolle er den Jugendlichen weitergeben, erzählt Kirsche: „Das einzige, das ihr nicht dürft, ist aufgeben.“
20 Jul 2026
LINKS
[1] /Neues-Stadtquartier-in-Treptow-Koepenick/!6065711
[2] /Stadtentwicklung-in-Berlin/!6179558
[3] https://poorbirds.de/
[4] /AfD-Stadtrat-in-Treptow-Koepenick/!5833186
[5] /Gerichtsentscheidung-zur-AfD-in-Berlin/!6037921
[6] https://wahlen-berlin.de/wahlen/Be2023/AFSPRAES/bvv/ergebnisse_bezirk_09.html
[7] /Siechtum-der-Einkaufszentren/!5954819
[8] https://traumfabrik-treptow.framer.website/
[9] https://www.instagram.com/reels/DZh1a6-DyQA/
AUTOREN
Hanno Fleckenstein
Berliner Bezirkswahlen
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