taz.de -- Wieder russischer Großangriff auf Kyjiw: Komplett schutzlos ohne Patriots

In der ukrainischen Hauptstadt sind in der Nacht zu Montag mindestens 13 Menschen getötet worden. Der Ukraine fehlen Mittel gegen ballistische Raketen.

Bild: Nach russischen Raketenangriffen: Rettungskräfte sind in Kyjiw, Ukraine, damit beschäftigt, einen Großbrand zu löschen

In den Luftschutzkeller in der Kyjiwer Innenstadt kommen gegen 1.45 Uhr in der Nacht zu Montag immer mehr Menschen. Es ist kühl und riecht etwas muffig, aber immerhin gibt es Stühle, einen Trinkwasserspender und WLAN. Manche haben sich Decken und Kissen mitgebracht. Ein etwa zehnjähriger Junge schläft auf dem Schoß seiner Mutter.

Unterhalten wird sich, wenn überhaupt, im Flüsterton. Manchmal hört man ein „oho“, wenn im Telegramkanal der Luftverteidigung der Anflug der nächsten russischen Rakete angekündigt wird. Zwischen der Meldung und der Detonation vergehen nur rund zwei Minuten.

Gerade erschüttern im Minutentakt schwere Explosionen die ukrainische Hauptstadt. Auch wenn sie sich, wie sich herausstellt, mehrere Kilometer entfernt ereignen, spürt man die Druckwellen dennoch. So geht es – unterbrochen von Pausen – mehr als zwei Stunden weiter, bevor es nach 4 Uhr ruhiger wird und die meisten Menschen den Keller wieder verlassen.

Insgesamt dauert der Alarm vier Stunden. Innerhalb von vier Tagen ist es ein weiterer russischer Großangriff. Der vorangegangene in der Nacht zu Donnerstag hatte 31 Leben gekostet. Während die Menschen im Keller auf die Entwarnung warten, tauchen in den sozialen Netzwerken die ersten Fotos von den Orten der Raketeneinschläge auf: Wohnhäuser in verschiedenen Stadtteilen wurden getroffen, mehrere stehen in Flammen.

Warnung des ukrainischen Präsidenten

Überraschend kam der Angriff nicht. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskiy hatte am Vorabend in seiner täglichen Videoansprache gewarnt. Später kamen Details über den Telegramkanal der Luftverteidigung: Langstreckendrohnen seien Richtung Kyjiw unterwegs, strategische Bomber der russischen Luftwaffe seien aufgestiegen, hieß es.

Die von ihnen abgefeuerten Marschflugkörper könnten nach 2 Uhr in den ukrainischen Luftraum eindringen. Es bestehe jederzeit die Gefahr von Angriffen mit ballistischen Raketen. Schwer getroffen wurde ein neunstöckiger Plattenbaublock im Stadtbezirk Podilskiy. Er sieht aus, als wäre er in der Mitte mit einer Axt gespalten worden.

Ringsum liegen Trümmer und ausbrannte Autos. Rettungskräfte suchen mithilfe eines Krans nach Überlebenden. Mehrere Leichen werden geborgen. Nach Angaben von Bürgermeister Vitali Klitschko wurden in Kyjiw in der Nacht mindestens 13 Menschen durch den russischen Angriff getötet und mehr als 50 verletzt – Stand Montagmittag. [1][Im ganzen Land sollen es 18 Tote sein].

Die Zahl könnte noch steigen, weil noch Menschen vermisst werden, die man unter den Trümmern zusammengebrochener Gebäude vermutet. Für Dienstag ist in Kyjiw ein Trauertag angekündigt: Fahnen auf halbmast, Unterhaltungsveranstaltungen werden abgesagt.

Mehrere Ziele

Luftwaffensprecher Juri Ignat meldet sich am Montagvormittag mit einem Fazit. Von 351 Langstreckendrohnen habe man 326 abfangen können. Dazu 37 von 39 Marschflugkörpern. Allerdings habe von 29 ballistischen Raketen keine gestoppt werden können. Letzteres deutet darauf hin, dass der ukrainischen Luftverteidigung die Abfangraketen für die Patriot-Systeme ausgegangen sind. Es gibt kaum ein alternatives System, das ballistische Raketen abfangen kann.

Verteidigungsminister Mykhailo Federov spricht in einem Statement von einer „kritischen Knappheit“. Russland nutze dies aus und setze ballistische Raketen in bisher nicht gesehener Menge ein. Die Ukraine habe Lieferverträge für Patriot-Flugkörper abgeschlossen, allerdings beginnen die Lieferungen erst im nächsten Jahr. Sein Appell an die Partnerländer: Sie sollen jetzt Flugkörper aus ihren eigenen Beständen übergeben, die dann aus den ukrainischen Verträgen ersetzt werden. Jeder einzelne könnte zahllose ukrainische Leben retten.

Kyjiw war in der Nacht zwar das Hauptziel der Attacken, aber nicht das einzige. Im westlichen Vorort Wyschnewe wurden Dutzende Einfamilienhäuser zerstört. Ein Großbrand wütete so stark, dass aus der Umgebung Hunderte Anwohner evakuiert werden mussten. Folgeexplosionen deuten darauf hin, dass dort wohl eine Munitionsfabrik- oder ein -lager getroffen wurde.

In Odessa und Charkiw schlugen Langstreckendrohnen ein. In der Großstadt Dnipro wurde ein Verteilzentrum des Versandhauses Nova Poshta getroffen. Die ukrainische Luftwaffe traf nach eigenen Angaben mehrere Raffinerien in Russland. Eine davon im westsibirischen Omsk, 2.500 Kilometer entfernt von der Ukraine. Im Schwarzen Meer habe man zwei Tanker mit Benzin [2][für die von Russland annektierte Halbinsel Krim] getroffen.

6 Jul 2026

[1] /Krieg-in-der-Ukraine/!6193445

[2] /Ausnahmezustand-auf-der-Krim/!6192229

AUTOREN

Marco Zschieck

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Schwerpunkt Krieg in der Ukraine

Kyjiw

Luftangriffe

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