taz.de -- Fußball und Politik: Einen Bundestrainer Merz gibt es gar nicht

Das Scheitern der DFB-Elf lässt wieder Politik-Fußball-Analogien aufleben. Die sind falsch, aber ein anderes Verständnis des Sports brauchen wir doch.

Bild: Bundeskanzler greift sich Bundestrainer: Helmut Kohl gratuliert Berti Vogts 1996 zum Gewinn der Europameisterschaft

Es gibt Menschen, für die ist die Fußball-WM seit Montag im Wesentlichen vorbei. Ihnen ging es weniger um Fußball als um die [1][Beteiligung Deutschlands] daran. Doch die gibt’s ja nun genauso wenig wie den erst jüngst angestrebten deutschen Sitz im Weltsicherheitsrat.

Der britische Marxist C. L. R. James (1901-1989), der aus Trinidad stammte, war in seiner Jugend Cricketspieler, sein Bruder wurde Fußballfunktionär. „Cricket“, so schreibt James in seiner Autobiografie „[2][Beyond a Boundary]“, „hat mich in die Politik geworfen, lange bevor ich es wusste. Als ich mich der Politik zuwandte, hatte ich nicht mehr viel zu lernen.“ Wenn er als Jugendlicher einen bestimmten Klub unterstützte, war das politisch. Sein von Schwarzen getragener Lieblingsklub, so schreibt James, „nutzte Cricket als Mittel, um sich auszudrücken“. Von den Profis ist er überzeugt: „Sie spielten, als ob sie wüssten, dass ihr Klub die große Masse der Schwarzen Menschen auf der Insel repräsentierte.“

Das gilt für [3][Cricket] wie für Fußball: Sport ist politische Praxis, weil er unter bestimmten historischen Bedingungen entstanden ist und sich stets verändert. Menschen nehmen in einer Gesellschaft eine bestimmte Rolle ein, und das prägt sie, auch beim Sport. Krisen und andere soziale Auseinandersetzungen suchen und finden überall ihren Ausdruck, auch im Stadion.

Das ist eine etwas andere Annäherung an die politische Ausformung des Fußballs, als man sie aktuell oft liest. Da ist oft die Rede von einer Ähnlichkeit von [4][Julian Nagelsmann] und [5][Friedrich Merz]: Beide litten an grandioser Selbstüberschätzung und seien kommunikative Nieten. Neu ist das nicht. Schon Berti Vogts galt als fußballerischer Helmut Kohl. Helmut Schön wurde als Willy Brandt mit Mütze an der Seitenlinie verortet, und Sepp Herberger erschien manchem als Konrad Adenauer im Trainingsanzug.

Weltpolitik und Weltmeisterschaft

Solche Erklärungen lassen sich leicht zurückweisen, weil sie das Besondere des Fußballs nicht erkennen. Die Bestimmung des Fußballs und Crickets in den Kämpfen einer Gesellschaft, wie sie C. L. R. James vorgenommen hat, ist überzeugender. Doch zugleich gilt, dass [6][solche Analogien], so theoretisch unhaltbar sie sind, mit ein bisschen empirischer Evidenz daherkommen. Helmut Kohls Abwahl erfolgte ebenso 1998 wie Berti Vogts’ Rücktritt. Willy Brandt betrat 1966 als Bundesaußenminister die Weltpolitik, und Helmut Schön amtierte im selben Jahr erstmals bei einer WM als Bundestrainer. Wer sucht, wird fündig, auch bei Julian Merz und Fritze Nagelsmann, und nicht alle Parallelen müssen erst mit der Axt passend gemacht werden.

Solche Analogien erklären zwar nichts, aber – das ist meine These – sie verweisen in ihrer ganzen Unbeholfenheit auf die gesellschaftliche und politische Einbettung des Fußballs. Gerne benutzte Formulierungen wie „Sport und Politik“ oder „Fußball und Gesellschaft“ tun immer so, als seien das fremde Sphären, die nur ein paar Überschneidungen aufwiesen. In Wirklichkeit aber ist der Fußball ein sehr großer und sehr mächtiger Teil dieser Gesellschaft.

Dass etwa die Bundesrepublik sich jahrzehntelang der Erkenntnis verweigerte, eine Einwanderungsgesellschaft zu sein, zeigt sich in Fußballstatistiken. Vor der von [7][Mesut Özil] und [8][İlkay Gündoğan] geprägten Fußballergeneration der 2010er Jahre gab es in der DFB-Auswahl gerade mal drei Kicker, die aus türkischen Familien stammten. Bis 1992 gab es etwa in Baden-Württemberg die [9][„Jugo-Liga“], die sich gegründet hatte, weil Menschen ohne deutschen Pass kaum in deutschen Vereinen mitspielen durften. Und bis in die 1980er Jahre galten migrantische Sportvereine ganz offiziell als „fremdkulturell motivierte Organisationszusammenhänge“.

Der Druck, der sich in der Endphase der Ära Kohl massiv aufgestaut hatte, dass sich dieses Land modernisieren musste, war im Sport früh zu erkennen. 1991 führte der DFB das Konstrukt des „Fußballdeutschen“ ein, eine Vorwegnahme der doppelten Staatsbürgerschaft, die erst von Rot-Grün durchgesetzt wurde.

Rechtsextreme Hetze und die Kraft des Fußballs

Das bringt uns zu Nagelsmann und zur immer wieder von interessierten Kreisen aufgetischten Debatte über Spieler mit Migrationshintergrund. Der 2006 beginnende Aufstieg des deutschen Fußballs, der zum WM-Titel 2014 führte, ist ganz wesentlich der Öffnung und [10][Modernisierung] der Gesellschaft zu verdanken. Doch schon bei ersten Krisenzeichen der DFB-Elf finden dumpfeste Rechtsextremisten verstärkt Gehör. Kein Wunder, dass in Social Media gegen Jonathan Tah gehetzt wird, weil der Schwarze Profi im Paraguay-Spiel einen Elfmeter verschoss.

Zum Glück stellt sich die AfD hier (noch?) besonders ungeschickt an, denn nach dem Bekenntnis Tahs und seines Kollegen Felix Nmecha [11][zum reaktionären Evangelikalismus,] glaubte Beatrix von Storch „deutsche Nationalspieler im Namen des Herrn“ loben zu müssen. Damit hat sich die Partei kurzfristig den Weg verbaut, den sie sonst gerne beschreitet, nämlich Hasspropaganda auf die offiziell-parlamentarische Agenda zu setzen.

Rechtsextremisten wie der Aktivist Martin Sellner hingegen versuchen, hier zu punkten: „Deutschlands Multikulti-Söldnertruppe wird von einer authentischen Nationalmannschaft aus Paraguay nach Hause geschickt“, frohlockt er. Dass seine Vorstellung einer ethnisch reinen Mannschaft Paraguays eine ähnlich dümmliche Imagination ist wie in jedem anderen Land, stört weder ihn noch seine Follower. Die glauben ja an eine schöne Zeit, als deutsche Nationalmannschaften noch weiß und arisch waren. 1954, 1974 und noch 1990 blieben die Europäer bei diesen „Welt“-Meisterschaften weitgehend unter sich – noch ein bisschen Lateinamerika, aber kaum ein Team aus Afrika oder Asien.

Sport und Politik sollte nicht allzu sehr mit Analogien und konstruierten Parallelen traktiert werden. Viel realitätstüchtiger ist es, wenn wir mit [12][C. L. R. James] den Sport – also auch diese Fußball-WM mit ihren vielen Überraschungen – aus sich selbst heraus als Feld begreifen, in dem gesellschaftliche und sogar weltpolitische Kämpfe ausgetragen werden und wo Sportler, Klubs und Fans nolens volens politische Akteure sind.

„War minus the shooting“, so hat George Orwell den Fußball beschrieben. Da steckt mehr drin als in jedem Merz-Nagelsmann-Vergleich.

2 Jul 2026

[1] /WM-Aus-der-DFB-Elf-im-Sechzehntelfinale/!6191996

[2] https://files.libcom.org/files/c-l-r-james-beyond-a-boundary-2.pdf

[3] /Cricket/!t5575040

[4] /DFB-Trainer-Nagelsmann-will-weitermachen/!6192049

[5] /Lob-nach-WM-Aus/!6192045

[6] https://taz.de/Schuldenkrise-und-Toupet/!1761562/

[7] /ZDF-Doku-ueber-Mesut-Oezil-Anschauen-lohnt-sich-trotz-fehlender-Naehe/!6163636

[8] https://taz.de/Abschied-von-lkay-Guendoan/!6028364/

[9] https://www.kontextwochenzeitung.de/gesellschaft/557/jugos-ihr-kickt-mal-huebsch-unter-euch-7851.html

[10] /Auslaufmodell-Jogi-Loew/!5752722

[11] /Fussballprofi-mit-Christusfimmel/!6187200

[12] https://www.cambridge.org/core/books/abs/cambridge-companion-to-cricket/c-l-r-james-and-cricket/99C7BAB9E9A9CE362F5C2D1431CFC02B

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Martin Krauss

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