taz.de -- Neues Buch von Klaus Lederer: Links, queer und geradlinig gegen den rechten Backlash
Klaus Lederer schreibt über „Queerpolitik im Handgemenge“. Sein autobiografischer Essay skizziert queere, linke Positionen, die mehrheitsfähig sind.
Bild: Zu queerem Engagement gehört die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, sagt Klaus Lederer
Klaus Lederer ist dies alles längst nicht mehr: Bürgermeister, Kultursenator, Mitglied der Linken. Zur Wahl für das Abgeordnetenhaus, in dem er als Mitglied der Fraktion der Linken derzeit noch sitzt, tritt er im Herbst nicht wieder an. Was Lederer weiterhin sein wird: Kämpfer für die Sache der Gleichheit auf vielen Gebieten, als Queeraktivist, als universalistischer Humanist, als Kritiker einer Linken, die sich identitätspolitisch versteift und zerstreitet.
„Mit links die Welt retten“ lautet der nur halb ironische Titel des Buches, das er vor zwei Jahren verfasst hat. Der Rettung bedürftig scheint die Welt weiterhin. Und [1][eine Linke, die in ihrer Palästinasolidarität vor dem Hass auf Israel nicht Halt macht], scheint es ihm auch.
In diesem Jahr ist ein weiteres Buch erschienen, eher ein Büchlein, ein Essay: „Queerpolitik im Handgemenge. Ein Blick zurück, einer nach vorne“. Der Untertitel impliziert die Zäsur. Ein schwuler Mann in den besten Jahren fängt noch einmal an und versichert sich dabei der bisherigen Leistungen. Persönlich, autobiografisch geht er zurück ins entscheidende Jahr: 1989. Da fallen die große Geschichte und die persönliche seltsam zusammen. Sturz der Mauer und Aufführung von Heiner Carows Film „Coming Out“, spätes Zeugnis der sehr späten Öffnung der DDR zur öffentlichen Thematisierung von Homosexualität. Der Fünfzehnjährige begreift, dass er schwul ist.
Paradox nach der Wende
Die gegenläufige Lage in Ost und West schildert der gelernte Jurist Lederer im Rückblick so: Die BRD hielt skandalös lange am Naziparagrafen 175 fest, während sich dort die Haltung zur Homosexualität sozial seit den sechziger liberalisierte. Juristisch war die DDR, die zur Fassung des Paragrafen aus der Weimarer Zeit zurückgekehrt war, der liberalere Staat. Politisch und sozial aber blieb das Thema hier viel länger tabu. Nach der Wende ergab sich darum ein Paradox: „Im Westteil der Stadt war Ficken strafbar, das im Osten völlig legal war.“ In der Erinnerung ziehen die Orte, Lokale der neunziger Jahre vorbei, Ackerkeller, Der stille Don.
Was folgt im Leben, von dem das Buch weiter berichtet, und in der Politik, in die Lederer schnell gerät: ist weiterer Kampf. Lederer mittendrin. Kampf darum, Schwulen und Lesben in Sachen Heirat gleiches Recht zu verschaffen (egal, was man als Linker so vom Heiraten hält), Kampf darum, jenen, die nach dem Unrechtsparagrafen 175 verfolgt worden sind, Entschädigung zu verschaffen. All das dauert furchtbar lang.
Beim CSD 1993 tummeln sich nur 25.000 Leute, es werden jedoch rasch mehr. In der PDS, in die Lederer eintritt und wo manch eine*r noch in Haupt- und Nebenwiderspruch denkt, ist LGBTQ-Solidarität nicht gerade Common Sense. Wobei Schwulsein alleine beim Erkennen von Missständen auch nur sehr bedingt hilft. Das ist ihm von Anfang an klar: „Wer kennt keine misogynen, rassistischen oder antisemitischen Schwulen?“
Nun hat sogar die Berliner CDU einen schwulen Regierendenkandidaten. Stefan Evers ist gewiss weder misogyn noch rassistisch noch antisemitisch, er kommt in Lederers im Jahr 2025 abgeschlossenen Essay als eher liberaler Vertreter der Partei vor. Aber vermerkt wird sehr wohl der Backlash von rechts, auch und gerade in queer- und genderpolitischen Fragen, an dem sich auf potenziell fatale Weise eine Flanke der Konservativen zur extremen Rechten und also zur AfD öffnet. Auch liberale schwule Konservative kommen in Wahlkampfzeiten auf die Idee, Jobsuchende in die Stadtreinigung zu zwingen.
Queer und intersektional, aber nicht identitär
„Queer“, mit dem Begriff hat Lederer kein Problem. Und auch keines mit Intersektionalität, also der Einsicht, dass sich jene, die in einer Gesellschaft unter diversen strukturellen Benachteiligungen leiden, besser solidarisch verbinden. Was Lederer dagegen kritisiert, ist eine Form der Identitätspolitik, die ihre Prioritäten nicht klarkriegt und darüber am Ende im schlimmsten Fall selbst autoritär wird: die sich in Differenzen und Feindbilder verbeißt, statt Gemeinsamkeiten zu suchen; die beharrt, statt diskutiert; diskutiert, statt sich zu engagieren. Letzteres sei nicht nur im Netz gefragt: „Es braucht uns in den Parlamenten und auf den Straßen. Zu queerem Engagement gehört auch die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen: in Gewerkschaften und Parteien, Initiativen und Verbänden, in Verwaltungen und Institutionen.“
Eigentlich alles ganz klassisch links. Der Weg, den Klaus Lederer in dem Band, einer Bilanz in der Mitte des Lebens, beschreibt, ist nicht ganz gewöhnlich, aber er ist – noch beziehungsweise gerade im Bruch mit der Partei Die Linke – außergewöhnlich geradlinig. Die Positionierungen bleiben allgemein (und unoriginell) genug, um für das ganze Spektrum der Linken vermittelbar zu sein. Verehrer der Hamas und der Mullahs gehören da, das versteht sich von selbst, nicht dazu.
Das alles ist im Sinne des Erfinders, denn der ist und bleibt ein politischer Kopf, auch wenn sein Engagement im Parlament und der Parteipolitik fürs Erste endet. Das letzte Wort bekommen dann, so viel Claudia Roth steckt in Lederer doch, Rio Reiser und Ton Steine Scherben: „Allein machen sie dich ein.“ Wer weiß, was passiert, wenn man sich organisiert.
20 Jul 2026
LINKS
[1] /Tagung-im-Haus-der-Wannsee-Konferenz/!6060045
AUTOREN
Ekkehard Knörer
Klaus Lederer
Emanzipation
Die Linke Berlin
Linke Szene
Schwerpunkt LGBTQIA
Queer
Reden wir darüber
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