taz.de -- Anime-Film „Scarlet“ auf DVD: Vergebung statt Rache
Der Anime-Film „Scarlet“ von Mamoru Hosoda erzählt eine Hamlet-Geschichte mit weiblicher Heldin. Seine Bilder sind nicht von dieser Welt.
Bild: Scarlet findet erst spät auf ihrer Reise zur Vergebung
So viel ist klar, und erstaunlich genug für einen mit enormem Aufwand produzierten Anime-Film: Wir haben es mit einer Variation von Shakespeares „Hamlet“ zu tun. Der Ort ist, zunächst, Helsingør, der Königshof in Dänemark, die Zeit die Shakespeares (also des 16. Jahrhunderts) und nicht jene der historischen Ereignisse, auf die sich das Drama bezieht. Der Name des Königs, der stirbt: Amleth, wobei dessen Geist in diesem Film erst sehr viel später auf der Bühne erscheint. Der Name des Bruders, der den König tötet, wenngleich hier nicht durch Gift, sondern per öffentlicher Hinrichtung wegen Landesverrats: Claudius (das ist korrekt).
Der ewig zaudernde Sohn jedoch, der im Stück als Hamlet junior lieber über Sein und Nichtsein philosophiert, als zügig zur Rache zu schreiten, ist hier eine Tochter. Und der Name der Tochter ist, wie der Titel schon sagt: Scarlet. Ein letztes Wort richtet der Vater vor seinem Tod an die Tochter. Es ist zu laut, sie sieht, wir sehen die Bewegung der Lippen, keiner versteht, was er sagt. Bei Shakespeare lautet der Auftrag des Vaters (als Geist): Remember me, was Hamlet als Aufruf zur Rache versteht.
Bei [1][Mamoru Hosoda] jedoch ergeht, wie man später erfährt, ein ganz anderer Auftrag: Das letzte Wort des Vaters war: „Vergib!“ Und so wird Scarlet auf eine große Reise geschickt, an deren Ende sie gelernt haben wird zu vergeben. Weit, sehr weit führt diese Reise, in Wahrheit: ein verblüffender Trip, weg von Shakespeare. Und hin zu Hosoda, der einst als Nachfolger [2][Hayao Miyazakis] bei Studio Ghibli ausersehen war. Es kam zum nie wirklich geklärten Konflikt, seitdem geht er mit großem Erfolg seinen eigenen Weg.
Schon in seinem bisherigen Werk hat er seine Heldinnen (und seltener Helden) immer wieder zu Taumlerinnenn zwischen den Welten gemacht. [3][„Das Mädchen, das durch die Zeit sprang“], war der sprechende Titel eines früheren Films. Und so springt, taumelt auch Scarlet. Findet sich unversehens wieder in einem Reich zwischen den Zeiten und zwischen Leben und Tod, in dem eine alte weise Frau das Sagen hat und in dem am Himmel auch mal ein Gewitter speiender Drache erscheint.
Die Bilder nehmen einem den Atem
Scarlet begegnet dort nicht nur den Henkern des Vaters, die zu ihren Verbündeten werden. Sie trifft dort auch einen jungen Mann namens Hijiri, der in seiner und unserer Gegenwart (also der des 21. Jahrhunderts) als Rettungssanitäter tätig war (oder: gewesen sein wird?) und nun auch im seltsamen Jenseits zwar einerseits mit dem Bogen schießt, aber andererseits seinen Sanitätskoffer auspackt und auf Teufel komm raus heilt, wen, was und wo er kann. Es sind auch riesige Heere unterwegs, sie ziehen in Schlachten, was in Hosodas Anime-Hand die atemberaubendsten Wimmelbilder ergibt.
Überhaupt nehmen einem die Bilder immer wieder den Atem. Zwar ist die Luft, was die Plotlogik angeht, durchweg etwas dünn. Aber was soll’s, wenn Scarlet im blauesten Himmel eine zart ins Sphärentableau geatmete Leiter nach oben betritt, um dann aus einem Meer aufzutauchen in eine schon wieder andere, noch jenseitigere, noch hinreißender entworfene eigene Welt. Und so geht das fort, kommt gelegentlich auf Hamlet und Amleth zurück, um dann Shakespeare wieder Shakespeare sein zu lassen.
Die Botschaft – Vergebung statt Rache – ist sonnenklar, und schön naiv ist sie auch, dafür bräuchte es das Jenseits nicht, und Hijiri nicht und auch nicht das Taumeln. Für Zusammenhangskrämer ist der Film sowieso nichts. Aber wer Lust hat, sich von der Flut erstaunlicher Bilder den Kopf und das Herz verdrehen zu lassen, mit Landschaftstableaus und Jenseitsvisionen, mit Kampf und sogar einer Tanzeinlage zwischendurch, der und die ist hier richtig am Platz.
8 Jul 2026
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AUTOREN
Ekkehard Knörer
Anime
Spielfilm
William Shakespeare
Japan
DVD
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