taz.de -- Kulturpolitik der DDR: Das Kalkül ging nicht immer auf
Wie geopolitische Ziele und Kunstvermittlung in der DDR verwoben waren: Kunst aus der Sammlung des Zentrums für Kunstausstellungen in Berlin.
Bild: Uwe Pfeifer: „Straße I“, 1979. Aus dem Bestand des Zentrums für Kunstausstellungen der DDR (ZfK), ifa-Kunstsammlung
Lange war die Sammlung des Zentrums für Kunstausstellungen (ZfK) der DDR mehr oder weniger vergessen, jetzt wird sie mit Verve wieder zugänglich gemacht: Unter dem Obertitel „Publik machen“ sind in diesem Sommer sechs Ausstellungen in Berlin und Dresden zu sehen. Den Auftakt macht in Berlin „Rauschen“ in der ifa-Galerie, gefolgt von Präsentationen im Schloss Biesdorf, KVOST (Kunstverein Ost), Prater Galerie und der Galerie im Turm. Und in Dresden läuft bereits seit Mai [1][eine Ausstellung über die Großen Kunstausstellungen der DDR in den 1980er Jahren.]
Aufgabe des ZfK war es, DDR-Kunst im Ausland und internationale Kunst im Inland zu zeigen. Über 100 Präsentationen wurden jährlich auf den Weg gebracht: von der Großen Kunstausstellung, die alle fünf Jahre in Dresden stattfand und eine Art documenta der DDR war, bis zu Wanderausstellungen – nicht nur in „sozialistischen Bruderländern“, sondern auch im „nichtsozialistischen Wirtschaftsgebiet“. So gingen „Alte Meister aus Museen der DDR“ in die Mongolei und „Kunst aus dem Bezirk Halle“ nach Indien. In Rumänien wurde Glasgeblasenes aus dem Harz gezeigt, „Künstler zwischen Tradition und Experiment“ in Syrien und im Irak. Umgekehrt kamen polnische Plakatkunst nach Rostock und Gobelins aus der UdSSR nach Ostberlin.
1991 wurde das ZfK geschlossen. Die Sammlung ging teils an Museen in den neuen Bundesländern, teils an das Institut für Auslandsbeziehungen (ifa), das westdeutsche Gegenstück des ZfK. Dort lagerten die Arbeiten weitgehend unbeachtet, bis die Kuratorin Susanne Weiß begann, den Bestand zu erschließen. Die Berliner Ausstellungen sind Resultat dieser verdienstvollen Tätigkeit.
Nun kann man in der ifa-Galerie in einer Art Petersburger Hängung von Kunstwerken und Aktenfunden (Szenografie: Eran Schaerf und Flo Gaertner) sehen, wie geopolitische Ziele und Kunstvermittlung in der DDR miteinander verwoben waren. Zeitgenössische Arbeiten kommentieren die historischen Werke. So erzählt „Rauschen“ ein Kapitel deutscher Zeit- und Kunstgeschichte.
Nicht nur künstlerisch, sondern auch politisch motiviert dürften etwa diverse Ausstellungsprojekte mit palästinensischen Künstlern gewesen sein, während es mit Israel offenbar keine Zusammenarbeit gab. Im Westen fuhr man groß auf: So wurden Starkünstlern wie Willi Sitte oder Werner Tübke Ausstellungen in der BRD ermöglicht; eine Gruppenausstellung von zwölf Künstlern – unter ihnen Gerhard Altenbourg, Carlfriedrich Claus und Bernhard Heisig – reiste nach Cambridge, Los Angeles und Albuquerque. Aber auch eine Wanderausstellung mit Kunsthandwerk aus der DDR tingelte im Dienst des ZfK jahrelang um den Globus. Das kulturelle Engagement war auch ein bisschen Art-Washing für die ostdeutsche Diktatur.
Nicht immer ging das Kalkül auf: Als 1977 bei der documenta zum ersten Mal Maler aus der DDR gezeigt wurden, zogen unter anderem [2][Georg Baselitz] und Markus Lüpertz unter Protest ihre Werke zurück. Vor den Gemälden von Werner Tübke kam es zu Kundgebungen gegen Arbeiten, die als „offizielle Staatskunst“ empfunden wurden. Und erst 1986, nach der Unterzeichnung des Kulturabkommens zwischen der Bundesrepublik und der DDR, war die Ausstellung „Positionen – Malerei aus der Bundesrepublik Deutschland“ im Alten Museum in Ostberlin möglich, an der auch DDR-Flüchtlinge wie Gotthard Graubner, Gerhard Richter und [3][Günther Uecker] teilnehmen konnten und wollten.
Manche [4][DDR-Künstler] wurden mit Unterstützung des ZfK regelrechte Reisekader: Karl-Erich Müller besuchte mehrfach Indien, und seine Bilder mit Alltagsszenen des südasiatischen Subkontinents wurden in der DDR in großen Ausstellungen gezeigt. Allerdings darf man bei all dem nicht vergessen, dass das Regime auch die Wahrnehmung und den Erfolg missliebiger Künstler massiv behinderte, unter anderem von A. R. Penck, dessen Teilnahme an der documenta 1977 erfolgreich unterminiert wurde.
Wie kleinkariert die DDR-Autoritäten auch in der Kulturpolitik sein konnten, zeigt „Rauschen“ am Beispiel der Ausstellung „Rauschenberg Overseas Culture Interchange“, die nach dem Willen des amerikanischen Pop-Art-Künstlers gleichzeitig in Ost- und Westberlin gezeigt werden sollte. Zwar stimmte sogar Erich Honecker, dem das Projekt als Beitrag zum Weltfrieden verkauft worden war, zunächst zu. Letztendlich durfte sie aber nur im Alten Museum auf der Museumsinsel gezeigt werden, wenn in Westberlin nichts stattfand. Doch als sie 1990 eröffnete, war die Mauer bereits gefallen und der Kalte Krieg auch in der Kunst ausgestanden.
21 Jul 2026
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AUTOREN
Tilman Baumgärtel
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