taz.de -- Inklusive Dancefloor-Compilation: Alle ziehen an einem Strang

„Superbrains Volume 2“ ist eine Dancefloor-Compilation der Initiative „IckmachWelle“. Sie bringt Menschen mit und ohne Behinderung zum Tanzen.

Bild: Für Elise machen Dancehall-inspirierten House für Superhirne

In seinem Standardwerk „Turn the Beat Around“ schrieb der US-Dancefloor-Historiker Peter Shapiro 1969-2025), dass Clubkultur sich mit dem Mainstream in einem ständigen „Tauziehen zwischen Exklusivität und Inklusivität“ befände: Das Scheitern am Türsteher führe zwar zum Ausschluss vieler Menschen vom Dancefloor, aber es erlaube den Eingeschlossenen, sich frei zu entfalten. Das ist ambivalent, weil es die soziale Durchmischung hemmt: Wo die Normalos fehlen, findet Normalisierung nicht statt.

Shapiro schrieb erhellend über heteronormative Zustände, verzwickter gestaltet sich der Fall in Hinblick auf Behinderung. Zuerst handelt es sich um ein weites Feld: Laut Statistischem Bundesamt gelten allein 7,9 Millionen Menschen in Deutschland als schwerbehindert. Doch ist Behinderung nicht gleich Behinderung. Viele Menschen können sich im Alltagsleben in eine Gesellschaft einpassen, die der Lyriker Paul-Henri Campbell „salutonormativ“ nennt.

Analog zum Begriff der Heteronormativität definiert Campbell Salutonormativität als Ensemble aus ideologischen Annahmen und real existenten Barrieren, die verschiedene soziale und physische Ausschlussmechanismen schaffen und gesellschaftliche Teilhabe behindern.

Clubs sind selten rollstuhlgerecht

Obwohl sich Clubkultur als Gegenentwurf zum Mainstream versteht, stellt sie – wenngleich ungewollt – [1][ein Fallbeispiel für salutonormative Strukturen] dar. Es beginnt damit, dass Clubs selten rollstuhlgerecht sind, und endet nicht damit: Der durchschnittliche Stundenlohn in Behindertenwerkstätten wird auf 1,46 Euro geschätzt, der Eintritt von Clubs kostet mehr als das Zehnfache. Und selbst wer das Geld für einen Besuch locker sitzen hat, muss sich erst an der Tür behaupten, normativen Musterungen und Fragen auf die irgendwie „richtige“ Weise begegnen, um drinnen Inklusivität zu erleben.

[2][Das Berliner Projekt „IckMachWelle“] schafft seit 2018 Alternativen zu diesem Status quo. Aus dem inklusiven Workshop-Programm sind gut ein Dutzend Musikprojekte hervorgegangen, die sich aus Menschen mit und ohne Behinderung zusammensetzen. Sie veröffentlichen auf dem federführenden Label KilleKill Musik und treten unter anderem beim Berliner Festival „Krake“ auf – die Vermischung auf der Bühne und dem Dancefloor sind das Ziel.

Lange konnte sich [3][die Initiative] dank Fördergeldern über Wasser halten. Diese Finanzspritze ist nun – zumindest temporär – versiegt. „IckMachWelle“ versucht deshalb, die Löcher im Budget auf eigene Faust mit einer Crowdfunding-Kampagne, einer Benefiz-Veranstaltung und der Compilation „Superbrains Vol. 2“ zu stopfen. Insbesondere diese Veröffentlichung hat Leitbildcharakter für die gesamte Initiative.

„Ich muss verrückt sein“ lautet der Titel des Auftaktstücks von Paris, einer von flirrenden Synthie-Tönen umspielte Sound-Poetry-Etüde. Verrückt werden musikalische Parameter in den folgenden 18 Stücken allemal: Dancehall-inspirierter House (Für Elise), psychedelischer IDM-Pop (Sopht), verscratchter Noise-Rap mit politischer Kante (Gubenstreet Boys) und Easy-Listening-Collagen (Schprampfeinsatz) schaffen ein heterogenes Klangbild.

Konventionellere Klänge – klassischer Deep House (DJ Locati), pulsierender NdW-Punk (Die Lustige Welt) und wummernder Hard-Style (DJ Andi) etwa – sind ebenso zu hören. In diesem wilden Stilmix klingt vieles ausgesprochen interessant und manches dezidiert albern. Nicht alles kann überzeugen, weil jede Compilation ihre Schwachstellen hat. „Superbrains Volume 2“ indes macht vor, wie es klingt, wenn beim großen Tauziehen alle an einem Strang ziehen.

21 Jul 2026

[1] /Protesttag-fuer-Menschen-mit-Behinderung/!6086264

[2] /Inklusion-in-der-Musik/!5934032

[3] /Mit-Behinderung-an-den-Syntheziser/!5518344

AUTOREN

Kristoffer Cornils

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