taz.de -- Hilfe in den Bergen: „Es sind mehr unerfahrene Menschen unterwegs“

Die Zahl der Einsätze der Bergwacht steigt. Bei vielen Bergwanderern fehlt die richtige Vorbereitung, sagt Friedl Krönauer von der Bergwacht Kochel.

Bild: Manchmal lässt sich nur noch so helfen: Hubschrauber-Einsatz in den Bergen

taz:Herr Krönauer, in den vergangenen 10 Jahren ist die Zahl der Einsätze [1][der bayerischen Bergwacht] um über 30 Prozent gestiegen, bei Ihnen sogar um 138 Prozent. Die Berge in Ihrem Einsatzgebiet sind nicht einmal 2.000 Meter hoch. Wie kommt es zu diesem Anstieg an Notrufen?

Friedl Krönauer: Wir liegen direkt vor den Toren Münchens, sind schnell erreichbar, viele Tagesgäste und Urlauber zieht es hierher. Und es gibt hier anspruchsvolles Gelände. Die bayerischen Voralpen haben oft schroffe Nordflanken, felsige Abbrüche und steile Grasflanken, das kann man hier von der Benediktenwand bis zum Herzogstand gut erkennen.

taz:Kann es nicht sein, dass einfach mehr Leute wandern gehen und dadurch mehr Notfälle entstehen?

Krönauer: Ja, aber das Problem liegt darin, dass dadurch mehr unerfahrene Menschen unterwegs sind und dass sich viele Bergwanderer nicht oder nur ungenügend auf ihr Bergabenteuer vorbereiten. Das sehen wir an den Zahlen und Berichten anderer Bergwachten hierzulande und an denen aus Österreich, Schweiz, Italien. Es gibt weniger klassische Unfälle. Bei uns in Kochel ist der Anteil an Sondereinsätzen wie aufgrund von Blockierungen gestiegen.

taz:Was heißt „Blockierungen“?

Krönauer: Das heißt: Die Leute kommen nicht mehr weiter. Sie sind vor Angst gelähmt oder verlieren die Kraft. Die krallen sich in einem steilen Grashang fest oder hängen in einer Rinne fest. Oder sie geraten in die Dunkelheit, weil sie schlecht geplant haben. Oder werden überrascht von Regen oder Schnee, auch wenn das seit Tagen aus Wetterbericht oder Lawinenlagebericht hervorging.

taz:„Überrascht“ klingt dann manchmal fraglich.

Krönauer: Vergangenen Winter hatte unsere Nachbarbereitschaft vier Männer, alle um die dreißig, auf dem Westaufstieg zur Benediktenwand. Die waren durch den Schnee raufgegangen, immer weiter. Kurz unterm Gipfel konnten sie nicht mehr. Aber runter auch nicht mehr, weil sie komplett platt waren.

taz:Was hätten sie tun sollen?

Krönauer: Sich über die aktuellen Verhältnisse informieren und angesichts der herausfordernden Bedingungen bereits frühzeitig umdrehen, solange die Kraft für den Abstieg noch gereicht hätte. Kurz gesagt, nicht mit dem Kopf durch die Wand zum Gipfel.

taz:Scheitern ist nicht vorgesehen. Woher kommt das?

Krönauer: Viele gehen heute ohne jede alpine Sozialisation in die Berge. Früher ist man in diesen Sport langsam reingewachsen über Familie, Freunde, Alpenverein. Dadurch entstand eine Checkliste im Kopf: Gehe ich südseitig oder nordseitig, liegt noch Schnee? Wann ist Sonnenuntergang? Dieser Automatismus fehlt bei etlichen. Stattdessen erleben Bergwachtler, dass Leute sich auf Tiktok oder Youtube inspirieren lassen.

taz: Haben Sie da einen konkreten Fall?

Krönauer: Ich kann Ihnen einen aus dem Allgäu nennen. Da hatten sich zwei völlig falsch ausgerüstete Wanderer die anspruchsvolle Tour über den Jubiläumsweg zum Schrecksee ausgesucht. Sie wurden mit der Winde an Bord eines nachtflugtauglichen Heli geholt. Als Quelle für ihre Tourenplanung gaben die beiden Tiktok an.

taz:Fehlt vielen Menschen das geübte Auge fürs alpine Gelände selbst?

Krönauer: Wir kriegen in der Rettungswache Kochel Anrufe von Leuten, die in einem trockenen Bachlauf stehen, den sie als Wandersteig interpretiert haben. Der Rückweg ist nicht mehr möglich, weil es schwierig ist, im Bachgeröll die Tritte nach unten zu setzen. Oder wir holen Leute aus den Nordabbrüchen am Jochberg, der Plattenkalk dort ist schwieriges Gelände. Aber Ungeübte erkennen das nicht. Die folgen dem roten Pfeil auf dem Display und verlieren den Weg. Und plötzlich stehen sie mit wackeligen Knien im bröseligen Gelände.

taz:Was bedeutet der Anstieg der Fallzahlen für Sie und Ihre Kameraden der Bergwacht?

Krönauer: Mehr Einsätze für den Einzelnen, mehr Unterbrechungen im Alltag.

taz:Bergwachtler zu sein ist ein Ehrenamt. Haben Sie genug Nachwuchs?

Krönauer: Ja, unsere Bergwacht hat Glück. Wir haben aktuell 20 Anwärter, darunter 12 Frauen.

8 Aug 2026

[1] https://bergwacht-bayern.de/

AUTOREN

Margarete Moulin

TAGS

Schwerpunkt Stadtland

wochentaz

Rettungsdienst

Alpen

Touristen

Social Media

Bergsteigen

Social-Auswahl

Reden wir darüber

ARTIKEL ZUM THEMA

Rettung für Alpenneulinge: Kindliche Neugier und die Drei-Punkt-Regel

Unser Autor reflektiert bei einer Wanderung in den Alpen über Naturerlebnis, Zugehörigkeit, kindliche Begeisterung und elitäre Arroganz.

Bergtourismus in Japan: Stau der Kugelkletterer

An Japans heiligem Berg Fuji-san drängeln sich die Touristen. Manche wollen den Massenansturm eindämmen, für andere gehört der Stau am Berg dazu.

Touristen in den Bergen: Alpengeister, die ich rief

Diese Touristen kommen mit dem Rollkoffer. Sie suchen den Instagram-Klick: ein Foto von sich in der Natur. Sie hinterlassen Trampelpfade und Müll.

Proxied content from gemini://taz.de/%216191690 (external content)

Gemini request details:

Original URL
gemini://taz.de/%216191690
Status code
Success
Meta
text/gemini;lang=de
Proxied by
kineto

Be advised that no attempt was made to verify the remote SSL certificate.