taz.de -- Essen und denken: Lammkopfsuppe
Nächtliches Essen und kluge Komplimente führen im nächtlichen Berlin zu nostalgischen Gedanken über Erscheinung und Wesen der Menschen.
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Häufig bekomme ich um kurz vor Mitternacht Lust auf eine Lammkopfsuppe. Oft komme ich dann gerade am Berliner Hauptbahnhof an, mit irgendeinem verspäteten ICE aus irgendeiner deutschsprachigen Stadt kommend, in der ich gearbeitet habe. Häufig nehme ich dann ein Taxi und ärgere mich, wenn die Taxifahrer:innen den Weg zur ikonischen Straßenecke, an der ich wohne, nicht auswendig kenne.
Der Wunsch danach, dass die Taxifahrer:innen ohne Navigationsgerät fahren, wie früher, ist natürlich pure Nostalgie. An Uber-Fahrer habe ich diesen Anspruch nicht. Nicht selten lasse ich mich dann an der ikonischen Straßenecke, an der ich wohne, absetzen und ziehe meinen Koffer zu dem Ort, an dem man um halb zwölf Uhr nachts noch eine Lammkopfsuppe bekommt.
Der Besitzer des Ladens erkennt mich meistens. Und immer macht er mir dasselbe Kompliment – das ich extrem intelligent finde. Ich bin mir sicher, er wendet es täglich mindestens zehnmal an. Nur zu der Uhrzeit, zu der ich den Laden mit meinem Rollkoffer frequentiere, funktioniert es besonders gut: „Du bist die hübscheste Kundin, die heute meinen Laden betreten hat“ sagt er dann. Und fügt hinzu: „Aber wer weiß, wer später noch so zur Tür hereinkommt“. Ich habe mich tatsächlich schon dabei ertappt, Lammkopfsuppe löffelnd zur Tür zu starren um zu überprüfen, ob in den restlichen 20 Minuten des Tages noch eine Kundin hineinspaziert, der er das gleiche Kompliment macht.
Dass unsere Erscheinung – und wie sie wahrgenommen wird – immer relativ ist, weiß ich spätestens seit ich selbst einmal versuchte, ein Gespräch mit einem Mann anzufangen, der wirklich ganz besonders groß war. So groß, dass er in seiner Jugend, als sein Herz langsamer wuchs als der Rest seines Körpers, regelmäßig in Ohnmacht gefallen war. Weil mir nichts Besseres einfiel, sagte ich zu ihm: „Du bist echt groß!“. Und er antwortete großzügig: „Ich weiß, aber das vergesse ich immer, wenn ich allein zu Hause bin. Es fällt mir erst auf, wenn ich das Haus verlasse.“
28 Jun 2026
AUTOREN
Olga Hohmann
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