taz.de -- Nach dem WM-Aus Irans: Verzerrter Wettbewerb
Noch nie hat ein WM-Gastgeber so schamlos in das sportliche Geschehen eingegriffen wie die USA. In Irans Team beklagt man fehlende Fairness.
Bild: Trauer und Gebete: Während zwei ägyptische Spieler Allah danken, zeigt Irans Saeid Ezatolahi seine Enttäuschung
„Die WM ist eine Desaster“, sagte Mehdi Taremi, der Kapitän der iranischen Nationalmannschaft nach dem 1:1-Unentschieden im letzten Spiel der Gruppe G gegen Ägypten. „Ein Desaster“, wiederholte er noch einmal. Und dann ließ er seinen Gedanken freien Lauf und zählte auf, wie mit seinem Team vor und während des Turniers umgegangen worden ist. Sein Vorwurf: „Die Fifa hätte alle Probleme lösen müssen, das ist ihr leider von Anfang an nicht gelungen.“ Zu diesem Zeitpunkt war noch nicht klar, dass Iran ausscheiden würde. Große Hoffnungen machte sich Teremi bei seiner Ansprache in der Mixed Zone offenbar nicht.
Noch nie zuvor hatte es die Situation gegeben, dass eine Fußball-WM der Männer [1][in einem Gastgeberland ausgetragen wird, das sich gerade mit einem der Teilnehmerländer im Kriegszustand befindet]. Irans Auswahl hatte sich, lange bevor die USA Ende Februar zum Krieg geblasen haben, für die Endrunde qualifiziert. Mit Kriegsausbruch begannen dann die Spekulationen, ob Iran am Turnier würde teilnehmen können.
Erst drohte Iran mit einem Boykott, dann gab es Befürchtungen, Spieler und Betreuer würden keine Visa bekommen, bevor US-Präsident Donald Trump dann meinte, das Team könne schon einreisen, für seine Sicherheit könne aber niemand garantieren. Während Fifa-Präsident Gianni Infantino viel dafür unternahm, das iranische Team zu bearbeiten und zu einer Teilnahme an der WM zu bewegen, dachte sich die US-Regierung [2][eine Gemeinheit nach der anderen aus], um dem iranischen Team den Aufenthalt bei der WM so unkomfortabel wie möglich zu machen.
Ein derart dreistes Eingreifen in Abläufe während einer Sportgroßveranstaltung sucht seinesgleichen. Das Team, das sich seit März aus Sicherheitsgründen in der Türkei aufgehalten hatte, durfte für die WM nicht in den USA Quartier nehmen, obwohl alle drei Gruppenspiele in den Staaten angesetzt waren.
Es bereitete sich im mexikanischen Tijuana vor, durfte nur zum Spiel selbst anreisen und hatte gleich nach dem Spiel wieder zu verschwinden. Nur für das Spiel gegen Ägypten in Seattle genehmigte man den Spielern eine frühere Anreise. Wesentliche Betreuer des Teams, auch solche aus dem medizinischen Stab, durften die Spieler zudem nicht zu den Partien begleiten, weil die USA ihnen Visa verwehrt hatten.
Unfaire Fifa
Es ist bestimmt nicht überinterpretiert, vor diesem Hintergrund davon zu sprechen, dass die US-Regierung direkten Einfluss auf dem sportlichen Wettbewerb genommen hat. Es herrschten ungleiche Voraussetzungen, was die Vorbereitung anbetrifft. Das Sportvokabular kennt dafür den Ausdruck Wettbewerbsverzerrung. Dass Iran das Turnier nach drei Unentschieden am Ende ungeschlagen verlässt, ist da mehr als respektabel.
„Das ist nicht fair“, fasste Irans Kapitän Taremi seine Einlassungen zusammen und stellte die Frage: „Ist es für die Fifa fair?“ Und: „Wenn sie uns nicht dabei haben wollen, okay, dann sind wir weg. Aber so? Das ist doch nicht fair.“ Da wusste einer ganz genau, was er sagen wollte.
Er hatte sogar einen freundlichen Satz parat, mit dem er auf die Frage geantwortet hat, was er denn davon hält, dass die Gastgeberstadt Seattle die Partie als Pride Match zur Unterstützung der LGBTQI+-Community beworben hat. „Unsere Religion akzeptiert das nicht, aber wir respektieren alle LGBTQI+-Menschen“, sagte er und wusste ganz bestimmt, dass sein Verband zuvor alles dafür unternommen hat, dass die Fifa selbst kein Zeichen für Diversität zu diesem Spiel aussendet.
Das hat der Weltverband letztlich in der Tat nicht getan. Einen besseren Pressesprecher wird das iranische Regime, das vor und [3][während des Turniers schamlos Propaganda mit der WM-Truppe] gemacht hat, gewiss so schnell nicht finden.
Das iranische Team hat auch wegen seiner professionellen PR-Arbeit viele Herzen gewonnen – weit mehr als die der zahlreichen Exil-Iraner:innen, die in den WM-Stadien ihr Team auch mit Fahnen aus der Schah-Zeit angefeuert haben. Am Ende ist es auch die verrückte Nachspielzeit der Partie gegen Ägypten, die so schnell niemand vergessen wird, der die Partie verfolgt hat.
Die Iraner jubelten bereits über den Siegtreffer, als Bilder der VAR zeigten, dass der vermeintliche Torschütze Shojae Khalilzadeh mit einem halben Fuß im Abseits stand. In den sozialen Medien kursiert längst die Verschwörungstheorie, nach der diese Entscheidung so fallen musste, um Iran aus dem Turnier zu eliminieren. Auch wenn die US-Regierung damit nichts zu tun hat, wird sich diese Erzählung so wohl nicht mehr einfangen lassen.
28 Jun 2026
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AUTOREN
Andreas Rüttenauer
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