taz.de -- Soziologe zu Diskriminierung im Freibad: „Wir wollen strukturell etwas ändern“
Kein Deutsch, kein Einlass – dafür erntete ein Freibad in Halle heftige Kritik. Der Soziologe Hans Goldenbaum will die Probleme dahinter angehen.
Bild: Nur strukturelle Änderungen werden den niederprasselnden Rassismus ändern
taz: Herr Goldenbaum, ist ihr Deutsch gut genug, [1][um im Heidebad in Halle] schwimmen zu gehen?
Hans Goldenbaum: Ich lebe jetzt seit 20 Jahren in Halle und bin als Zugezogener ein „Hallunke“ und kein richtiger „Hallenser“. Aber ich denke, aufgrund meines äußerlichen Erscheinungsbildes und meiner sprachlichen Kompetenzen, würde ich da problemlos reinkommen. Im Team haben wir uns die Frage gestellt: Hat der Kollege, der aus Syrien stammt, größere Probleme reinzukommen als die Kollegin, die ihre Wurzeln in Spanien hat?
taz: Und?
Hans Goldenbaum: Das war für uns eher eine rhetorische Frage.
taz: Sie arbeiten für die Hallesche Jugendwerkstatt, die sich unter anderem um die Jugendarbeit mit Migrant:innen kümmert. Wie waren die Reaktionen dort, als bekannt wurde, dass einzelne Personen wegen mangelnder Deutschkenntnisse nicht ins Heidebad gelassen wurden?
Hans Goldenbaum: Gerade die Kolleginnen und Kollegen, die selbst einen Migrationshintergrund haben, waren davon sehr angefasst. Sie haben sich durch diese Pauschalisierung erst mal stigmatisiert gefühlt. Gleichzeitig wissen gerade wir als Sozialarbeiter: Bäder machen Konflikte und Reibungen, die es in der Gesellschaft gibt, sichtbar. Probleme um Badesicherheit, Verständigung und unschönes Verhalten sind natürlich real. Im Kontext von Rettung und Badesicherheit geht es um Leben und Tod – das muss man ernst nehmen. Irgendwo zwischen diesen beiden Polen bewegen wir uns.
taz: Der Betreiber des Heidebads hatte seine Entscheidung damit begründet, Menschen mit denen keine Verständigung möglich sei, aus Sicherheitsgründen nicht ins Bad zu lassen. Was halten Sie davon?
Hans Goldenbaum: Leuten aufgrund ihrer Deutschkenntnisse pauschal keinen Eintritt in ein öffentliches Bad zu gewähren, halten wir für menschlich, rechtlich und gesellschaftlich inakzeptabel.
taz: Als Gegenentwurf zur Türpolitik des Heidebads [2][sammeln Sie Spenden], um Menschen mit Fluchtgeschichte zu Rettungsschwimmer:innen auszubilden. Warum ist das wichtig?
Hans Goldenbaum: Es ist immer sinnvoll, wenn Fachkräfte die Demografie der Gesellschaft widerspiegeln – sei es an Schulen, bei der Polizei oder eben bei Rettungsschwimmern. In der sozialen Arbeit nennen wir das Lebensweltorientierung. Die Frage ist doch: Kann ich die Perspektiven und Reaktionen von geflüchteten Jugendlichen so gut nachvollziehen wie ein Kollege, der selbst geflüchtet ist oder kann er das vielleicht besser? Ich würde Letzteres denken. Die zweite Ebene ist die Sprache: In einem großen Freibad, in dem Menschen mit ganz verschiedenen Hintergründen zusammenkommen, sind gerade in Konfliktsituationen mehrsprachige Rettungsschwimmer super effektiv.
taz: Menschen mit Migrationshintergrund können [3][doppelt so oft nicht schwimmen] wie Menschen ohne. Warum ist das so?
Hans Goldenbaum: Ganz viele Zuwanderer sind Nichtschwimmer, wenn sie nach Deutschland kommen. In den Herkunftsländern gibt es oft keinen Schwimmunterricht, keine öffentliche Infrastruktur oder es herrscht Krieg. Der zweite Hintergrund ist, dass Menschen mit Migrationshintergrund vor sehr vielen Hürden stehen, die sie in prekären Lebenssituationen festhalten. Insgesamt haben in Deutschland Menschen aus prekären Milieus eine hohe Nichtschwimmerquote.
taz: Sie wollen mit Ihrer Initiative auch einen Schwimmkurs für geflüchtete Frauen und Mädchen anbieten. Warum nur für Frauen?
Hans Goldenbaum: Frauen wagen sich seltener als Männer ans Wasser und schämen sich oft dafür, Nichtschwimmerinnen zu sein. Aus Angst vor sexistischen und rassistischen Begegnungen wünschen sich viele geschützte Räume zum Schwimmenlernen.
taz: Wofür brauchen Sie die 150.000 Euro, die Sie als Spendenziel ausgegeben haben?
Hans Goldenbaum: Das Ganze soll kein Schnellschuss sein. [4][Das Projekt soll langfristig über drei Jahre angelegt werden.] Wir wollen, dass die Rettungsschwimmerausbilder vernünftig bezahlt werden. Wir wollen die Schwimmhallen für die Kurse über einen längeren Zeitraum anmieten, um auch Erfolge zu erzielen. Wir wollen jenseits von Empörung strukturell etwas ändern.
taz: Der Betreiber des Heidebads ruderte am Wochenende nach bundesweiter Kritik zurück und will künftig mehrsprachige Schilder mit Baderegeln anbringen. Ist damit das Problem gelöst?
Hans Goldenbaum: Nein, natürlich nicht. Die Einigung ist gut, aber drei Schilder ändern nicht die strukturellen Probleme. Der Konflikt hat den Fokus auf ein Symptom gelenkt. Jetzt können wir gemeinsam jenseits davon Maßnahmen voranbringen, die nachhaltige Veränderungen bringen.
30 Jun 2026
LINKS
[1] /Rassismus-in-Ostdeutschland/!6189343
[2] https://www.betterplace.org/de/projects/181998-sicher-schwimmen-gemeinsam-retten
[3] https://www.dlrg.de/informieren/die-dlrg/presse/schwimmfaehigkeit/
[4] https://hal-jw.de/nicht-ausschliessen-befaehigen-schwimmkurse-verstaendigung-und-rettungsschwimmer-ausbildung-fuer-sicherheit-und-teilhabe-in-halle/
AUTOREN
Pascal Maier
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