taz.de -- Sexualisierte Gewalt: Die Wut der Frauen

Ein Arzt betäubt seine Verlobte und missbraucht sie mit anderen Männern vor laufender Kamera. Er gehört zu einem Netzwerk chinesischer Männer.

Bild: Sein Fall sorgt auch in China für Aufsehen: Zhiting S. am 8. Juli vor dem Landgericht Berlin

Lien Wang ist müde. Deutsch fällt ihr noch schwer, sie lernt die Sprache erst seit ein paar Monaten. Und nun hat sie sich gleich eines der schwierigsten Gebiete vorgenommen: Juristendeutsch. Paragrafen, komplizierte Sätze, die selbst Muttersprachler kaum verstehen.

Mit schnellem Schritt betritt Lien Wang an einem Nachmittag Anfang Juli die taz. Sie ist 26 Jahre alt, ihre Haare sind kurz, ihre Fingernägel leuchtend blau lackiert. In ihrer Tasche hat sie einen Stapel Papiere mitgebracht, ausgedruckte Artikel aus juristischen Fachzeitschriften. Es geht darin um Gewalt an Frauen, um Femizide und Vergewaltigung.

Lien Wang möchte, dass Männer, die Frauen Gewalt antun, härter bestraft werden. [1][Mit einer Petition sammelt] sie Unterschriften im Internet. Sie ist Teil einer Gruppe Chinesinnen, die einen offenen Brief an das Berliner Gericht geschrieben hat und einen an die Bundesjustizministerin. Es geht Lien Wang dabei nicht um sich. „Aber ich bin Feministin“, sagt sie. „Und ich bin froh, diesen Satz in Deutschland frei sagen zu können.“

In China, wo Wang geboren ist und bis vor acht Monaten gelebt hat, habe sie das nicht gekonnt. Sexualisierte Gewalt sei extrem stigmatisiert, sagt sie. Artikel oder Posts, die über das Thema aufklären, würden zensiert. Siebenmal seien ihre Social-Media-Accounts geblockt worden, weil sie über Gewalt an Frauen geschrieben habe. Umso mehr fühlt sich Lien Wang nun verpflichtet, für andere Frauen zu kämpfen.

Die Männer nutzten Geheimsprache

Der Fall, der Lien Wang angestachelt hat, ist ein besonders grausamer. Die taz [2][hatte ihn Anfang April erstmals umfassend publik gemacht]. Es geht um einen Kreis von acht Männern, bis auf einen sind alle Chinesen und leben in Deutschland. In einer Chatgruppe haben sie sich darüber ausgetauscht, wie man Frauen erst betäubt und dann vergewaltigt. Sie haben sich Tipps für Medikamente gegeben, Fotos und Videos ihrer Taten geteilt, sich über die Attraktivität ihrer Opfer ausgetauscht, sich gegenseitig bestärkt. Ihre Opfer waren Chinesinnen in Deutschland.

Für ihre Taten nutzten die Männer eine Geheimsprache. Frauen nannten sie „Autos“, betäubte Frauen waren für sie „tote Schweine“. Eine Vergewaltigung war eine „Autofahrt“, die Medikamente, die sie den Frauen verabreichten, nannten sie „Öl“ oder „Sprit“. Ihr Chat hieß „Fahrschule für Experten in Deutschland“. Darin kündigten sie an, heute noch „ein Auto zu fahren“, und vergewaltigten dann eine Frau.

Im Herbst 2024 nahm die Polizei in Frankfurt den Kopf der Gruppe fest, kurz darauf in München und in Berlin weitere Mitglieder, zwei sind bis heute nicht identifiziert. [3][Drei Männern wurde bisher der Prozess gemacht], verurteilt wurden sie alle zu mehrjährigen Haftstrafen, zum Teil mit anschließender Sicherungsverwahrung.

Ein weiterer Mann aus diesem Netzwerk stand bis Mittwoch in Berlin vor Gericht: Zhiting S., 32 Jahre alt, ein promovierter Mediziner, der an der Berliner Charité gearbeitet hat. Nach Überzeugung des Gerichts hat auch er eine Frau betäubt, missbraucht und davon Videos gemacht – seine eigene Verlobte. Sechs Jahre ist das her, ereignet haben sich diese Taten in China. Er hat seine Verlobte sogar anderen Männern „angeboten“, um sie zu betäuben und sich an ihr zu vergehen. Videos, die die Polizei bei ihm beschlagnahmt hat, zeigen Zhiting S. bei den Taten, zum Teil gemeinsam mit anderen Männern. Explizite Vergewaltigungen sind darauf nicht zu sehen, das Berliner Gericht wirft Zhiting S. aber mehrere sexuelle Übergriffe vor. Es kann die Taten nach deutschem Recht verhandeln, obwohl sie in China passiert sind.

In Deutschland wurde Zhiting S. Anfang 2024 Mitglied der „Fahrschul“-Chatgruppe und teilte dort sein medizinisches Wissen. In mindestens einem Fall hat er einen anderen Mann in der Chatgruppe zu Medikamenten beraten, wie man sie verabreicht und dosiert. Er applaudierte im Chat nach einer Vergewaltigung. Und er fragte, ob er einen Livestream von der Vergewaltigung sehen könne. Angeklagt war Zhiting S. unter anderem wegen Beihilfe zu besonders schwerer Vergewaltigung und gefährlicher Körperverletzung.

Sein Prozess ist es, der den Fall der Chatgruppe unter Chines:innen in Deutschland, aber vor allem auch in China bekannt gemacht hat. In den chinesischen sozialen Medien teilen Nutzer:innen Informationen über Zhiting S. und seine Taten. Deutsche Artikel wie die taz-Recherche werden ins Chinesische übersetzt, ein Video der taz von einem der Prozesse wird in chinesischen sozialen Medien tausendfach geliked. Unabhängige chinesische Medien außerhalb des Landes haben große Artikel zum Thema veröffentlicht, sie werden millionenfach gelesen. Nur die Staatsmedien schweigen weitgehend. „Der Fall hat eine Welle der feministischen Wut in China ausgelöst“, sagt Lien Wang, die Frau, die in Deutschland die Petition gestartet hat.

Als im März der Prozess gegen Zhiting S. in Berlin beginnt, sind die Besucher:innenbänke im Gerichtssaal noch leer. Doch mit jedem Verhandlungstermin kommen mehr Chines:innen. Es sind vor allem junge Frauen, die in Deutschland studieren. An einem Verhandlungstermin Mitte Mai versammeln sich um die 70 Chines:innen vor dem Berliner Landgericht. Die Plätze reichen nicht aus.

Viele wollen ihre Solidarität mit den Opfern zeigen. Eine Apothekerin ist schockiert über die Medikamente, die die Männer den Frauen verabreicht haben. Sie kennt sie, sie gibt sie täglich aus. Einer der wenigen männlichen Besucher ist ein Germanistikstudent, er will einen Roman über den Prozess schreiben. Seit acht Jahren ist er in Deutschland. Diese Taten, sagt er, haben auch etwas mit Männlichkeit zu tun und dem, was in China daraus gemacht werde. „Dahinter steht Frauenfeindlichkeit“, sagt er.

Ihren Namen wollen die beiden nicht in der Zeitung lesen, zu groß ist ihre Angst vor dem chinesischen Regime. Auch Lien Wang heißt eigentlich anders. Ihr richtiger Name ist der taz bekannt. Wang und die anderen Besucher:innen sind Mitglied in einer Chat-Gruppe, die sich Mitte Mai gegründet hat, „Die Liga der Gerechtigkeit vom 18. Mai“ heißt sie. Der 18. Mai war der Tag, an dem die Plätze im Gerichtssaal nicht ausgereicht haben. In ihrer Chatgruppe verabreden sie sich für die Prozesstage, teilen ihre Notizen und die neuesten Informationen.

Tipps für Betäubung

Dabei können die Besucher:innen und Journalist:innen große Teile des Prozesses gegen Zhiting S. gar nicht verfolgen. Immer wieder lassen seine Verteidiger die Öffentlichkeit ausschließen, um die Privat- und Intimsphäre des Angeklagten zu schützen. Der Mann, der in Chatgruppen zugesehen hat, wie Bilder von nackten, betäubten, vergewaltigten Frauen ohne ihr Wissen herumgereicht wurden, besteht selbst auf maximale Abschirmung.

Zhiting S. ist ein kleiner Mann mit kurzgeschorenen Haaren. Sein Gesicht versteckt er hinter einer Maske. Im Prozess bleibt er die meiste Zeit still. Sein Opfer, seine Verlobte, verweigert die Aussage. Die Anwälte von S. verlesen ein Teilgeständnis. Mit der taz reden wollen sie nicht.

Zhiting S., so sieht es das Gericht, war nicht der Einzige, der in der Chatgruppe Ratschläge gegeben hat. Aber als Arzt genoss er Ansehen. Er gab Hinweise zu Medikamentencocktails, über deren Risiken schrieb er hingegen kaum. Die anderen Männer der Chatgruppe haben die Medikamente an ihren Opfern zum Teil so hoch dosiert, dass die hätten sterben können. Zwei der Männer wurden daher wegen versuchten Mordes verurteilt. Ihre Opfer, die chinesischen Frauen, ahnte von den Taten zum Teil lange nichts.

Lien Wang ist entsetzt, über das, was sie im Gerichtssaal hört. Sie ist froh, dass der Fall von Zhiting S. in Deutschland öffentlich verhandelt wird. „In China werden Männer für Verbrechen wie diese kaum oder viel zu lasch bestraft“, sagt sie. Wang verfolgt die Szene schon seit Jahren im Internet. Auf chinesischen Pornoplattformen würden Medikamente beworben, mit denen Frauen sediert werden können. „Liebeswasser nennen sie sie, aber das ist nur ein Code für Betäubungsmittel“, sagt Wang. In China könne man die Mittel einfach kaufen, auf der Verpackung seien teils schlafende Frauen abgedruckt. Die Polizei mache dagegen kaum etwas.

Vor dem Gerichtssaal sprechen die chinesischen Frauen immer wieder über die Ein-Kind-Politik, die auch dafür verantwortlich sei, dass sie hier im Gericht stehen würden. Jahrzehntelang wurden in China selektiv weibliche Föten abgetrieben, heute gibt es deshalb viel mehr Männer im Land. Mittlerweile wird von den Frauen verlangt, dass sie wieder mehr Kinder bekommen, weil die Geburtenrate extrem gesunken ist. „Frauenrechte sind in China nichts wert“, sagt Lien Wang.

Das zeigt sich auch bei Telegram: Während der Plattformbetreiber in Europa gesetzlich gezwungen ist, Chatgruppen zu löschen, in denen zu Gewalt aufgerufen oder Vergewaltigungsvideos geteilt werden, gilt das in China nicht. Mit wenigen Klicks gelangt man auch aus Deutschland in chinesische Chatgruppen mit tausenden Nutzern und Vergewaltigungsvideos. Ob diese alle echt sind, lässt sich nicht immer nachvollziehen.

Das Landgericht verurteilt Zhiting S. am Mittwoch schließlich zu einer Freiheitsstrafe von fünf Jahren. Damit folgt es der Forderung der Staatsanwaltschaft. Besonders schwer wertet das Gericht den Missbrauch an seiner Verlobten. Das Gericht sei überzeugt, dass er, Zhiting S., die Frau ohne ihr Wissen betäubt habe. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Der Fall sei durchströmt von Frauenverachtung, sagt der Richter in der Urteilsverkündung, Abgründe würden sich darin auftun. „Wir kennen üble Sexualstraftaten, aber dass sie mit so viel Planung, mit Lob, Kommentaren und Hurrageschrei geschehen, das ist absolut außergewöhnlich“, sagt er. Nach Fällen wie diesem und [4][dem der Französin][5][Gisèle Pelicot] könne man davon ausgehen, dass solche Straftaten, gefilmt und geteilt im Internet, zu einem neuen Massenphänomen geworden seien, das die Justiz in ganz Deutschland beschäftigen werde.

In seiner Urteilsverkündung nimmt der Richter auch Bezug auf die große Öffentlichkeit, die dieser Fall vor allem in China bekommen hat. In den chinesischen Berichten wurde mehrfach der Klarname von Zhiting S. geteilt, außerdem Details zu seinem Wohnort, seiner Verlobten und seiner Familie. In China gilt ein anderes Presserecht als in Deutschland. Zhiting S. sei damit auch in China vorverurteilt, er werde dort erhebliche Nachteile haben. Als Arzt werde er außerdem nicht mehr arbeiten können, weder in Deutschland noch in China.

Nach der Verhandlung bildet sich vor dem Gerichtssaal eine Traube aus Besucher:innen. Lien Wang ist auch darunter. Sie ist froh, sagt sie, fünf Jahre Haft sind mehr, als sie gehofft hatte. „Dieses Urteil ist so wichtig für alle Frauen. Ich hoffe, dass es Männer abschreckt, hier und in China.“

Der Verteidiger von Zhiting S. drängt sich schnell durch die Masse. Er sagt noch, dass er Revision einlegen werde.

10 Jul 2026

[1] https://innn.it/schluss-mit-der-nachsicht-bei-

[2] /Sexualisierte-Gewalt/!6164544

[3] /Schwere-Vergewaltigung-versuchter-Mord/!6170926

[4] /Gisele-Pelicot-und-die-Nachwirkungen/!6153047

[5] /Gisele-Pelicot-und-die-Nachwirkungen/!6153047

AUTOREN

Sophie Fichtner

Anne Fromm

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