taz.de -- Senegals Suche nach einer Schuldigen: An den Haaren herbeigezogen

Wie konnte Senegal nur gegen Frankreich verlieren? Einige sind der Überzeugung, dass es an der Frisur der Sportministerin liegt.

Bild: Mbappé erzielt das 1:0. Auch Senegals Sportministerin ist nicht eingeschritten

Gerade ganz frisch als Senegals Sport- und Jugendministerin im Amt sieht sich Clotilde Djirèye Coly mit einem regelrechten Shitstorm konfrontiert. Das Vergehen: ein rasierter Kopf am Tag ihrer Amtsübergabe und das verlorene Fußballspiel gegen Frankreich. „Diomaye hätte diese kulturelle Dissidentin niemals ernennen dürfen“, schrieb ein Internetnutzer in einem Facebook-Beitrag, der viral ging.

Seit dem spannungsgeladenen Spiel am Dienstag zwischen Senegal und der ehemaligen Kolonialmacht Frankreich, das mit einer 1:3-Niederlage endete, empören sich viele im Internet über die Politikerin. Als „unafrikanisch“, „unsenegalesisch“ und „unweiblich“ kritisiert man in Kommentarspalten ihr Aussehen und macht sie mitverantwortlich für die Niederlage. Doch inwiefern das Tragen einer Perücke den Sieg der Lions de Teranga gesichert hätte, kann niemand erklären. Die Hasskommentare gehen jedoch so weit, dass das Ministerium für Soziales eine Erklärung veröffentlichte, die jegliche Form von Cybermobbing gegen Frauen verurteilte.

Dass Clotilde Djirèye Coly 20 Jahre Berufserfahrung in den Bereichen Finanzen, Wirtschaftsprüfung und Unternehmensführung vorweisen kann, unter anderem bei internationalen Giganten wie Microsoft und Deloitte, geht in der Diskussion um Fußball und Frisur völlig unter. Für die [1][feministische Aktivistin] Suzanne Sy ein Unding: „Wenn der Senegal verloren hat, dann deshalb, weil Ismaïla Sarr kein Tor geschossen hat“, sagt sie. Hier aber gehe es um eine schwarze Frau, die zu ihrem natürlichen Haar stehe entgegen des bestehenden Bildes, dass es langes, glattes Haar brauche, um schön zu sein: „Hier wird buchstäblich das Aussehen einer Frau angegriffen, weil Männer ihre Arbeit nicht richtig gemacht haben.“

Gerade erst am 1. Juni ins Amt berufen, als eine von lediglich 4 weiblichen Abgeordneten der neuen 30-köpfigen [2][Regierung], hatte Clotilde Djirèye Coly noch nicht einmal Zeit, ihren Schreibtisch einzurichten, als bereits der erste Angriff auf sie losging. Im Mai war Senegals Regierung mit einem großen Krach auseinander geflogen, als Präsident Bassirou Diomaye Faye seinen Premierminister Ousmane Sonko feuerte und die Regierung auflöste.

Hintergrund ist ein zunehmender Machtkampf zwischen den beiden Männern, der das Land lähmt. Nachdem Präsident Faye auch 2024 nur 4 Frauen ins damals 34-köpfige Kabinett berufen und das Frauenministerium aufgelöst hatte, keimte mit der Regierungsumbildung kurz die Hoffnung auf, Frauenrechte würden mehr Aufmerksamkeit erhalten. Doch in den Lagern von Faye und Sonko bleibt es weitgehend still – auch im Fall Clotilde Djirèye Coly.

22 Jun 2026

[1] /Feminismus-in-Afrika/!6162828

[2] /Regierungskrise-in-Senegal/!6181640

AUTOREN

Helena Kreiensiek

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