taz.de -- Österreich gegen Argentinien: Der Realitäts-Check

In der Alpenrepublik ist der Optimismus, was den WM-Titel angeht, groß. Gegen Argentinien kann Rangnicks Team nun überprüfen, ob der berechtigt ist.

Bild: Österreich-Fans beim ersten Gruppenspiel gegen Jordanien

Die Lacher hatten die Österreicher auf ihrer Seite, als das Video viral ging. Zu sehen war darin, wie sich Kapitän David Alaba und der [1][deutsche Trainer Ralf Rangnick] im Jahr 2056 als gut gealterte Legenden an Österreichs Gewinn des WM-Titels vor 30 Jahren erinnern. Marko Arnautović ist mittlerweile Bundespräsident und sagt kuriose Sätze, die ihm ja wirklich jederzeit zuzutrauen sind.

Wie diesen hier: „Es gibt Kinder, die waren 2026 noch gar nicht geboren. Und trotzdem: Die wissen ganz genau, wo sie damals waren.“ Marcel Sabitzer sinniert über Feiertage, deren Hintergrund man nicht kenne, „und dann gibt’s halt den 19. Juli“. Ein mürrischer deutscher Campingurlauber regt sich über die drei Jahrzehnte später immer noch feiernden Österreicher auf. Und eine Mutter liest ihrer Tochter vor dem Einschlafen aus einem Kinderbuch vor: „Mit letzter Kraft und ganz viel Mut lief Konni Laimer auf das deutsche Tor zu und dann …“ Schnitt. „Weltmeister, Oida!“, rufen zwei Männer von der Müllabfuhr und liegen sich in den Armen.

Was von den Produzenten des KI-Videos als Satire gedacht war, hält ein beträchtlicher Teil der Österreicher allerdings für ein durchaus realistisches Szenario. In einer Umfrage des ORF trauten vor dem Turnier 32 Prozent der Befragten Rangnicks Team tatsächlich den Titel zu, erst dahinter wurden Spanien (25 Prozent) und Frankreich (16) genannt. Bei der Frage nach dem besten Torschützen hielten sie immerhin [2][Englands Harry Kane (33 Prozent) und Frankreichs Kylian Mbappé (24 Prozent)] doch für aussichtsreicher als Arnautović (19 Prozent), ihren „Arnie“.

In ihrem [3][zweiten WM-Spiel am Montag in Dallas] (19 Uhr MESZ) können die Österreicher überprüfen, ob ihr großer Optimismus dem Realitäts-Check standhält. Denn wer wäre besser geeignet als der amtierende Weltmeister Argentinien, um das wahre Leistungsvermögen von Rangnicks Mannschaft herauszufinden?

Rangnick setzt auf Lockerheit und Entspannung

Was das eher mühsame 3:1 gegen Jordanien im ersten Gruppenspiel noch nicht vermochte, dürften Lionel Messi und die anderen Titelverteidiger schon eher schaffen. Sollte es Rangnicks Mannschaft tatsächlich gelingen, die Weltmeister zu besiegen, würde die ohnehin schon ausgeprägte Euphorie in Österreich wohl noch ganz andere Blüten treiben.

Um Argentinien überraschen zu können, setzte Rangnick zunächst auf Lockerheit und Entspannung. Im kalifornischen WM-Quartier in Santa Barbara verfügte er zwei komplett freie Tage, die seine Spieler zur ausgiebigen Zerstreuung nutzen. Bereits am Samstag flog die Auswahl des Österreichischen Fußball-Bundes (ÖFB) anschließend nach Dallas, um sich bis zum Anpfiff am Montag um 12 Uhr Ortszeit an die zwei Stunden Zeitdifferenz zu gewöhnen.

Inhaltlich bereitete Rangnick sein Team darauf vor, dass es nicht nur mit [4][dem besten – fast 39 Jahre alten – Fußballer der Welt] zu tun bekommen wird. Neben Messi, der beim 3:0 gegen Algerien alle Tore erzielt hatte und von Rangnick als „absolutes Phänomen“ bezeichnet wurde, verfüge Argentinien auch in der zweiten Reihe über herausragende Kicker, sagte der Trainer. Wenn er sich die Bank anschaue, „wer da alles reinkam beziehungsweise noch nicht einmal reinkam, das ist schon absolut hochkarätig“.

Die Österreicher nehmen sich vor, zunächst Messis Kollegen daran zu hindern, ihren besten Kicker mit Zuspielen zu versorgen. So soll der Künstler so gut es geht vom Zaubern abgehalten werden. Bei Romano Schmid hat Rangnicks Botschaft längst verfangen. Messi sei zwar „der beste Spieler“, den es seiner Meinung nach je gab, sagte der Profi von Werder Bremen, aber auch darüber hinaus wisse jeder, „was auf uns zukommt: eine Weltklasse-Mannschaft, vielleicht die beste Mannschaft, gegen die ich jemals gespielt habe“.

Eklig sein und unter Druck setzen

Doch das ändert wenig am Selbstvertrauen im ÖFB-Team. „Wir müssen sie unter Druck setzen, mit dem Ball Überzahlsituationen herstellen. Dann machen auch sie Fehler“, sagte Torwart Alexander Schlager. Und Konrad Laimer vom FC Bayern empfahl: „Eklig“ sein und „einfach unseren Fußball durchziehen“, dann habe Argentinien „keinen Spaß“.

Gegen Jordanien nicht eingesetzt worden war Michael Gregoritsch. Doch wenn es nach dem 32 Jahre alten Offensivspieler des FC Augsburg geht, kann Rangnick ihm trotz seines Tempodefizits ruhig vertrauen. „36 km/h brauchst du im Kopf“, ließ Gregoritsch zuletzt nach seinem Doppelpack für Augsburg beim 3:1 gegen Mönchengladbach wissen. Zu seinem Torinstinkt sagte er: „Die Nase verliert man nicht, auch nicht, wenn man ein bisschen älter wird, sondern die wird immer besser.“

Im KI-Video kommt Gregoritsch als Torschütze mit einem Ausstellungsstück im Museum zu Ehren. „Und hier sehen Sie den linken Schuh vom Gregerl“, sagt eine Frauenstimme aus dem Off. Vielleicht bezieht sich das ja auf ein Tor gegen Argentinien und Messi auf dem Weg zum WM-Titel.

21 Jun 2026

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AUTOREN

Maik Rosner

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