taz.de -- Sozialarbeiterin über Lage in Kuba: „Der Staat wird immer weniger sichtbar“
Rita María García vom Christlichen Zentrum für Reflexion und Dialog schildert, wie Kubas Versorgung zusammenbricht – und wie die Menschen auf Wandel hoffen.
Bild: Lange Schlangen für Grundnahrungsmittel sind nach wie vor ein alltäglicher Anblick in Havanna, Kuba
taz: Frau García, wie ist die Situation derzeit in Cárdenas – gibt es Strom?
García: Hier im Christlichen Zentrum für Reflexion und Dialog (CCRD) sorgt eine Solaranlage für Strom. Zu Hause in meinem Haus habe ich seit fünf Tagen keinen Strom gehabt, lade im Büro eine Powerbank auf, für das Nötigste.
taz: Wie funktioniert das Leben in Cárdenas ohne Energie?
García: Es geht ein Riss durch die Bevölkerung. Es gibt die mit und die ohne Solarpanels. Immerhin helfen die einen den anderen, wenn auch nicht immer. Erschwerend kommt hinzu, dass wir seit zwei Tagen wenig Sonne haben und dass es kein Benzin und kein Diesel für den Betrieb von Generatoren gibt. Letzteres seit Wochen, unsere Situation ist nicht einfach: [1][Wir leben nicht, wir überleben].
taz: Wie sieht es mit Lebensmitteln aus?
García: Es gibt Lebensmittel, aber nur sehr wenige und die Inflation ist sehr hoch, das heißt, die Preise für Lebensmittel steigen stetig. Für einen US-Dollar müssen derzeit 680 Peso cubano bezahlt werden. Unsere Währung verliert permanent an Wert, weil es kaum Produkte gibt, die im Land produziert werden. Das trifft die verarmte Bevölkerung, die keine Verwandten im Ausland hat, die ihnen [2][Geld anweisen] oder Lebensmittel und andere Dinge über Online-Dienstleister wie Envioscuba.com schicken.
taz: Das CCRD versorgt 120 alleinstehende Senioren mit einer warmen Mahlzeit am Tag. Ist es dazu noch in der Lage und woher kommen die Lebensmittel dafür?
García: Wir sind dazu noch in der Lage, weil wir Lebensmittel-Hilfe aus dem Ausland per Container erhalten. Bohnen, Reis und ein paar andere Dinge, darunter auch Speiseöl. Hinzu kommt, dass wir im April und Mai von der AWO International (Arbeiterwohlfahrt) aus Deutschland Spenden erhalten haben, sodass wir derzeit in der Lage sind, 340 Menschen in Cárdenas mit einer warmen Mahlzeit täglich zu unterstützten. Darunter befinden sich 15 Familien, einhundert Schulkinder und die 120 Senioren.
taz: Steht die Finanzierung für Juni und Juli?
García: Ja, da wird eine holländische Organisation uns unterstützten und im September dann wieder AWO International.
taz: Das klingt gut, aber wie geht es weiter in Kuba?
García: Die Frage stellen wir uns auch und können sie nicht beantworten. Wir waren gerade in der Region Matanzas in Richtung Osten unterwegs und die soziale Situation ist fürchterlich. Die Menschen hungern, Alkohol- und Drogenkonsum nehmen genauso zu wie Kriminalität und Gewalt. Aufgefallen ist uns auch die hohe Zahl von schwangeren Minderjährigen, wir sinken immer weiter auf das Niveau von Haiti herab.
taz: Es gibt vermehrt Berichte über Femizide, ist intrafamiliäre Gewalt ein sichtbar werdendes Problem?
García: Ja, und das bereits seit der Pandemie im Jahr 2020. Jetzt ist die Situation noch gravierender, denn viele Menschen haben ihre Arbeit verloren. Allein 300.000 im Tourismus und die Verzweiflung regiert in vielen Familien. Das trägt zur Gewalt bei und bis zum 10. Juni wurden 32 Femizide auf Kuba registriert. Das ist die bittere Realität und den Zahlen, die in den sozialen Netzen kursieren, wird in aller Regel von den offiziellen Institutionen nicht widersprochen.
taz: Wie reagiert der Staat?
García: Gar nicht, oder kaum. Der Staat hat kein Geld, die kubanischen Unternehmen sind fast alle stillgelegt und hier funktioniert kaum etwas. Selbst das Funksystem für die Mobiltelefone funktioniert nur ein paar Stunden pro Tag und viele Polizeistationen sind kaum noch besetzt. Soziale Brigaden oder Hilfseinheiten gibt es nicht mehr. [3][Der Staat] wird immer weniger sichtbar.
taz: Was fehlt noch – neben Treibstoff, Lebensmitteln, Strom?
García: Wasser. Das Wasser wird in aller Regel per Pumpe in das Netz geleitet, die arbeiten mit Strom, manchmal auch mit Diesel. Beides gibt es nicht, das heißt, Wasser wird immer knapper, denn die Leute können, je länger es keinen Strom gibt, auch ihre Tanks auf dem Dach oder die Zisternen im Haus nicht mehr auffüllen. Das ist dramatisch.
taz: Es gibt Gerüchte, dass aus den USA ein Tanker mit Benzin und Diesel kommen soll. Glauben Sie daran?
García: Ja und nein, denn auf der einen Seite gibt es das sehr detaillierte Gerücht, auf der anderen etliche Reporter, die bestreiten, dass diese Lieferung die USA jemals verlassen wird. Zudem ist sie nur für den Privatsektor und einige kirchliche Organisationen vorgesehen. Ob wir vom CCRD da Chancen haben, etwas zu bekommen, weiß ich nicht.
taz: Das CCRD unterstützt auch das Krankenhaus von Cárdenas. Wie ist die Lage dort?
García: Verheerend, es fehlt an allem. Es gibt keine Spritzen, Handschuhe, Nahtmaterial, Antibiotika oder Narkosepräparate – an eine Operation ist hier in Cárdenas nicht zu denken. Das ist landesweit in vielen Hospitälern nicht anders. In Kuba sterben Menschen, weil es an allem fehlt. Dialyse-Patienten erhalten keine Dialyse mehr – wir brauchen Hilfe.
taz: Zum CCRD gehört auch eine Bio-Farm mit rund 35 Hektar Fläche, funktioniert sie?
García: Ja, dort arbeiten knapp dreißig Personen und sie produzieren Lebensmittel, die wir mit einem Elektro-Laster von dort in unsere Küche im CCRD transportieren. Natürlich müssen die auf der Finca die Geräte, die Ernte und die Tiere verteidigen, denn es wird überall gestohlen. Wir haben ein Team, das auf der Farm übernachtet.
taz: Die kubanische Bevölkerung lebt seit der Pandemie unter immer prekäreren Bedingungen – was will sie?
García:[4][Einen Wandel, egal wie], denn es ist nicht länger möglich, so zu Leben. Die Menschen halten es nicht mehr aus, dass die Kinder keine Milch mehr bekommen, dass die Alten ihre Medikamente nicht mehr erhalten, dass die Halbwüchsigen nicht mehr vernünftig unterrichtet werden. Viele, viele Kubaner und Kubanerinnen sehen keine Perspektive mehr. Sie wollen, dass es endlich aufhört.
21 Jun 2026
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AUTOREN
Knut Henkel
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