taz.de -- Vorsicht in der nächtlichen S-Bahn: Wahrscheinlich falscher Alarm
War der Rock vielleicht gar nicht nass? Und sind die Warnungen vor den Folgen künstlicher Intelligenz vielleicht auch übertrieben?
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Die Nacht in Kreuzberg ist lau, die Luft auch noch spät ganz weich und warm. Leute sitzen an den warmen Steinen der Gebäude vor Bars und Kneipen mit Flaschen oder Gläsern in der Hand. Ich versuche auf andere Gedanken zu kommen, denn ich komme von einem Essen mit Freunden. Unsere Gespräche gingen zuletzt um KI. Immer wieder ist das grad Thema. Die Perspektiven sind im besten Fall gefasst zuversichtlich und im schlimmsten dystopisch.
An der Warschauer Straße steige ich in die S-Bahn und setze mich irgendwie erschöpft in einen Dreiersitz. Neben mich setzt sich eine Frau mit einem geblümten Rock, die aber ziemlich schnell wieder aufspringt, sich an den Rock fasst und ruft: „Ih, da ist es nass.“
„Oh“, sage ich. Auf dem Platz ist nichts zu sehen.
An der nächsten Station will sich dort ein Typ mit Cap hinsetzen und ich rufe schnell: „Achtung, da ist es nass.“
„Was?“, fragt er.
„Also da war grad eine Frau, die meinte, der Sitz ist nass“, erkläre ich.
„Ach so, danke.“ Er setzt sich woanders hin.
Gegenüber von mir ist einer, der eine Dose Coa trinkt und grinsen muss.
An der nächsten Station das gleiche Spiel. Wieder will sich einer auf den Platz setzen und ich rufe: „Achtung, da ist es nass.“ „Okay“, sagt er und geht weiter.
Der Cola-Mann gegenüber grinst breiter.
Irgendwann bin ich so mit meinem Handy beschäftigt, dass ich zu spät bemerke, als sich eine Frau neben mich setzt. Ich sehe sie neugierig an. Sie schlägt ein Bein über das andere, aber anscheinend ist alles okay. Entweder spürt sie nicht, dass es nass ist, oder es ist gar nicht nass? Ich sehe sie verwundert an und dann den Cola-Mann, der mittlerweile laut lacht.
„Probably false alarm“, sagt er.
Irgendwie fällt mir da das Gespräch über die Zukunft mit KI wieder ein. Vielleicht sind die Warnungen ja auch nur falscher Alarm. Zumindest ist das meine Hoffnung heute Abend.
21 Jun 2026
AUTOREN
Isobel Markus
Kolumne Szene
Alltag
Berlin
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