taz.de -- Labour-Krise in Großbritannien: Endspiel für Keir Starmer

Ein rechter Durchmarsch ist in Großbritannien kein Naturgesetz. Aber Andy Burnhams Nachwahlerfolg beendet Labours Probleme nicht, er offenbart sie.

Bild: Labour-Politiker auf dem absteigenden Ast: Großbritanniens Prime Minister Keir Starmer

Für Großbritanniens Premierminister Keir Starmer hat das Endspiel begonnen. Sechs Wochen nach dem von ihm verantworteten Debakel seiner Labour-Partei bei den britischen Regional- und Kommunalwahlen hat sein schärfster innerparteilicher Rivale [1][Andy Burnham einen fulminanten Sieg] bei einer Nachwahl zum Parlament errungen.

54 Prozent im Wahlkreis Makerfield, wo vor sechs Wochen noch die Rechtspopulisten von „Reform UK“ gewonnen hatten, tragen den bisherigen Labour-Bürgermeister von Manchester triumphal ins Parlament und damit in die Position, sich an die Spitze der Labour-Revolte gegen Starmer zu stellen und den Premierminister um die Führung von Partei und Land herauszufordern.

Deutlich wird auch: Labour kann durchaus seine ehemalige Kernwählerschaft zurückgewinnen. Ein rechtsextremer Durchmarsch in Großbritannien ist keineswegs ausgemachte Sache. Die zweiten Gewinner dieser Wahlnacht in Großbritannien sind die Konservativen.

Lange tot geglaubt, haben sie unter ihrer zielstrebigen neuen Parteichefin Kemi Badenoch den bisher von der [2][Schottischen Nationalpartei] (SNP) gehaltenen Wahlkreis Aberdeen South deutlich gewonnen. Wahlentscheidend war ihr Bekenntnis zur Öl- und Gasforderung im Widerstand gegen SNP und Labour, die die fossile Energieförderung beenden wollen.

Man kann diese Nachwahl im Kernland der britischen Ölindustrie als Sonderfall abtun – aber so gesehen war auch Andy Burnhams Sieg in einer traditionellen Labour-Hochburg ein Sonderfall. Tatsächlich senden beide Ergebnisse zusammen eine klare Botschaft: Dies war eine gute Wahlnacht für die Erneuerungskräfte in Großbritanniens etablierten Parteien.

Für [3][Reform UK unter Nigel Farage] hingegen zeigt sich zum wiederholten Mal, dass sie zwar ein Drittel der Wählerschaft oder auch mehr auf sich vereint, aber bei einer binären Rechts-links-Konfrontation im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit nicht mehrheitsfähig ist. Und im linken Lager sind [4][die zuletzt viel gehypten Grünen] in die Bedeutungslosigkeit zurückgefallen. Was das nun für das Land bedeutet, steht auf einem anderen Blatt.

Burnham hat als Kandidat der Regierungspartei gegen die eigene Regierung gewonnen. Seine Pläne im Falle einer Machtübernahme in London bleiben völlig unklar. Für eigene Inhalte steht er nicht. Alle möglichen Leute verfolgen über ihn ihre eigene Agenda. Unter einem Premierminister Burnham könnte Labours Selbstzerfleischung also noch dramatisch eskalieren und er könnte in Versuchung geraten, in Ermangelung eines klaren Kurses mit vorgezogenen Neuwahlen Klarheit schaffen zu wollen. Das wäre genau die Chance, auf die Nigel Farage lauert. Keir Starmers Schicksal ist jetzt wohl besiegelt, aber Großbritanniens Zukunft ist offener denn je.

19 Jun 2026

[1] /Labour-Krise-in-Grossbritannien/!6189026

[2] /SNP/!t5008901

[3] /Nigel-Farage/!t5008990

[4] /Nach-den-Wahlen-in-Grossbritannien/!6178323

AUTOREN

Dominic Johnson

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