taz.de -- „Usedom-Krimi“ revisited: Die Insel der Unglückseligen

Wüst und wirr geht es zu auf der deutschen Ostseeinsel Usedom. Aber man macht alles mit, denn die Besetzung ist grandios. Eine Retrospektive, die lohnt.

Bild: Der Usedom-Krimi: Karin (Katrin Sass) und Ellen (Rikke Lylloff) in der Folge „Ungebetene Gäste“

Abkühlung gefällig? Stellen wir uns vor, wir stehen am Strand, es liegt Schnee, wir haben uns Vadderns olle Juppe übergeworfen und eine Bommelmütze tief in die Stirn gezogen, und die eiskalte Gischt kribbelt um Nase und Wangen. Belebend? Na dann, nicht lange fackeln, zurück zu den Ermittlungen!

Wir sind auf Usedom, Schauplatz der wahrscheinlich coolsten Krimireihe Deutschlands. Die ist nicht nur geeignet für heiße Tage, aber ganz besonders für die. Also Rollläden runter und Fernseher an. Alle alten Folgen der ARD-Reihe kann man sich d[1][erzeit in der Mediathek angucken.] Katrin Sass als ehemalige Staatsanwältin und Gattenmörderin Karin Lossow schnüffelt sich auf eigene Faust im „Usedom-Krimi“ durch eine Reihe von Fällen, von denen einer grotesker ist als der andere.

Zum Beispiel in der Folge „Ungebetene Gäste“, in der ihr Haus abbrennt und zugleich die Schwiegertochter ihrer Maklerin mit Amnesie im Krankenhaus landet. Komplett machen das absurde Ensemble ein Wachkomapatient, ein geheimnisvoller Flüchtiger mit Knarre und Riesenteddy und ein Neurochirurg mit nicht ganz sauberen Methoden.

Oder die Folge „Der lange Abschied“: Da greifen drei alternde [2][polyamore Hippies] zu tief in die psychoaktiven Substanzen, und am nächsten Tag ist eine spurlos verschwunden, der zweiten fliegt der Campingbus in die Luft, und der dritte stolpert orientierungslos in Polen herum, überzeugt, einen Mord begangen zu haben.

Schräge Gestalten und Psychosen

In diesem Insel-Krimi ist jeder Fall wie ein Fiebertraum. Niemand ist gezwungen, die ganzen zufälligen Verwicklungen zu glauben, die dafür sorgen, dass im Schnitt die halbe Inselbevölkerung in jeden der Fälle involviert ist. Aber die Top-Besetzung verkauft einem alles, was sich da Surreales abspielt, mit eleganter Geste. Wenn zum Beispiel ein Pantomime durchs Bild läuft und niemand fragt, warum.

Katrin Sass als Karin Lossow quittiert alles, was ihr widerfährt, mit dem gleichen stoischen Schulterzucken, ob es nun Kindesentführung ist, ihr Haus abbrennt oder ihr Liebhaber nicht zurückruft. Wie sollte sie auch anders, auf diesem fiktionalisierten Usedom wimmelt es von schrägen Gestalten und Psychosen, niemand traut niemandem, und alle sind zu allem fähig. Ganz besonders natürlich die Hauptfigur selber, die ja mal irgendwann ihren Mann erschossen hat. Aber wer will schon in Sentimentalitäten schwelgen?

Auf dieser Insel der Unglückseligen tragen alle Personen ihre Psychosen am Revers, ihre Störungen in der Einkauftasche, ihr Trauma am Hut und ihren Dreck am Stecken. Karin Lossows Kollegin hat eine soziopathische Mutter und einen narzisstischen Chef, Lossow selbst eckt sowieso mit jeder und jedem an. Niemand traut niemandem über den Weg, aber man schätzt und hilft sich dann noch, immerhin ist man ja Nachbarschaft.

Vielleicht mache ich deshalb im Hochsommer die Rollläden runter und den Usedom-Krimi an. Denn irgendwie ist dieses kühle Fiebertraum-Usedom fast so eine Art Utopie für mich: wie wir es in der Post-heilen-Welt miteinander noch ein paar Jahrhunderte aushalten.

21 Jun 2026

[1] https://www.ardmediathek.de/serie/der-usedom-krimi/staffel-1/Y3JpZDovL2Rhc2Vyc3RlLmRlL2Rlci11c2Vkb20ta3JpbWk/1

[2] /Die-Wahrheit/!5641106

AUTOREN

Peter Weissenburger

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