taz.de -- Die Kunst der Woche: Vor- und Nachbilder

Appropriation Art bei Rainer Wölzl im Käthe-Kollwitz-Museum und Sophie Horvath und Ulla Hahn in der Zwitschermaschine.

Bild: Rainer Wölzl, „Der Horizont“, 2020, Museum der Schatten [Pieter Bruegel d. Ä., John Huston, J.-L. Godard, René Magritte, S. Kubrick]

Für seine Auseinandersetzung mit den gegenwärtigen politischen, sozialen und kulturellen Verwerfungen setzt Rainer Wölzl inzwischen ganz auf die Kohlezeichnung. Daher ist er mit seiner großen Einzelausstellung „Konstellationen“ im [1][Käthe-Kollwitz-Museum] am richtigen Ort. Die Art, wie der Wiener Künstler das tut, könnte sich von Käthe Kollwitz jedoch nicht deutlicher unterscheiden. Der Künstler sucht seine Motive nämlich nicht im realen Alltag. Er findet die reale Welt und ihre Motive vielmehr in der Welt der Bilder.

Daher setzen sich seine großformatigen Tableaus aus Rastern von 8 bis 12 Einzelbildern zusammen, die Bildquellen aus der Kunst- und Mediengeschichte in überraschenden Zusammenstellungen zitieren. So kontrastiert er die gefalteten Hände der Mona Lisa, die die Frau in ihrer gesellschaftlich vorgegebenen Rolle als anmutig, tugendhaft und still symbolisieren, mit Rudolf Schwarzkogler, der bei der „1. Aktion, Hochzeit“ (1965) Farbe über den Kopf der weiß verschleierten Anna Brus schüttet, deren Hände an die der Mona Lisa erinnern.

Weitere, nicht unmittelbar einsichtige Motive verkomplizieren die (selbst-)kritische Befragung der Frauendarstellung in der Geschichte der Kunst, auf die man erneut im Tableau „Gegeben sei“ (2019) stößt. Obwohl, besser, weil Wölzl hier Strategien von Sichtbarkeit, Reflexion, Körperlichkeit und Perspektive behandelt, kommt die weibliche Figur, reduziert auf das weibliche Geschlecht (Duchamp, Courbet und Dürer) prominent in den Blick.

Auch Sophie Horvaths künstlerische Praxis folgt der Appropriation Art. Über die Themen Fetisch, Sex und Gewalt stieß sie auf die Rokokomalerei, als motivisch geradezu definiert durch Gewalt gegen Frauen – natürlich brillant gemalt. Jetzt hat die Werkgruppe des „Black Baroque“ ihre frühere Serie „Quick Tiepolo“ abgelöst, wobei [2][in der Zwitschermaschine] auch weiß grundierte Stillleben zu sehen sind.

Sophie Horvaths Barock, der in Farbigkeit und Komposition das holländische 17. Jahrhundert mit dem Pop des 20. Jahrhundert in tänzerische Berührung bringt, besteht durchweg aus Jagdstillleben. Und wer am Objektstatus der Frau in der bildenden Kunst zweifelt, den belehren wunderschöne tote Rebhühner eines Besseren, stellt man neben sie gedanklich mal die bekannten Frauenporträts und -akte.

Schwarz ist auch bei Ulla Hahn der Malgrund, aus dem ihre verwunschene Natur hervortritt. Mal flüchtig wie ferner Sternenstaub, mal als leuchtendes Gelb eines blütenblattartigen Haarkranzes, der kleine Gesichter umgibt.

Hahns Natur bewegt sich zwischen Abstraktion und surrealer Vision, etwa wenn ein weiblicher Akt in der Erde wurzelt. Häufig entfaltet sie sich als kosmische Zeichnung: Sternbilder lassen einen Vogel im Flug erkennen oder erinnern an aufglühendes Feuerwerk. Und so finden sich im Schwarz von Ulla Hahn Glanz, Freude und die Zärtlichkeit des Lebens.

16 Jun 2026

[1] https://www.kaethe-kollwitz.berlin/laufende-ausstellung/sonderausstellung-konstellationen/

[2] https://www.zwitschermaschine-berlin.de/15672/exhibitions/ausstellung-11/

AUTOREN

Brigitte Werneburg

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