taz.de -- Übergriffe am Filmset: Film brennt gut

Für realistische Reaktionen der Schauspielerinnen nutzten manche Regisseure und Co-Stars Gewalt. Die Szenen blieben drin. Liebe Kritik daran reicht nicht aus.

Bild: Auf Film gebannt, in den Kopf gebrannt, und oft schlicht ein Verbrechen

Der Regisseur und Schauspieler Alejandro Jodorowsky sagte, dass er jetzt dran sei. Er werde nicht proben, es werde nur einen Take geben, denn eine Wiederholung sei unmöglich. „Und ich habe sie wirklich … ich habe sie wirklich … ich habe sie wirklich vergewaltigt. Und sie schrie.“ Der Chilene schrieb das in seinem Buch „El Topo: A Book of the Film“ über die Vergewaltigungsszene in seinem Film „El Topo“ (1970). Kurz nach Veröffentlichung des Films traf er in Interviews ähnliche Aussagen.

Gegenüber dem EmpireMagazine gab Jodorowsky 2007 an, dass er die Schauspielerin Mara Lorenzio für die Szene mit ihrem Einverständnis penetriert habe. 2019 dann, [1][als das Museum „El Museo del Barrio“ in New York City eine Retrospektive über den Regisseur wegen seiner Äußerungen absagte], ruderte er zurück. Das sei alles nur ein PR-Gag gewesen, „surrealistische Publicity“. Lorenzio selbst hat sich dazu nie geäußert.

Im besten Fall witzelt ein Mann hier über Vergewaltigung, im schlimmsten Fall ist im Film eine echte Vergewaltigung zu sehen. Bis heute gilt „El Topo“ als einer der besten Filme aller Zeiten. Auch der berühmte Filmkritiker Roger Ebert nannte ihn in seiner [2][Liste großartiger Filme]. Müssen sich Frauen solche Filme gefallen lassen?

Ein selbstermächtigender Akt der Zerstörung

Ob man Szenen aus Filmen löschen darf, sollte, will, das ist momentan wegen der [3][Nacktszene mit der damals 13-jährigen Nastassja Kinski] in Wim Wenders’ Film „Falsche Bewegung“ (1975) Thema. Doch die Debatte endet nicht mit ihr.

Berüchtigt ist auch die Szene mit Marlon Brando und der 19-jährigen Maria Schneider in Bernardo Bertoluccis Film „Der letzte Tango in Paris“ (1972). Eine Vergewaltigungsszene, in der Brandos Figur Paul Butter nutzt, um Schneider anal zu vergewaltigen, wurde ihr im Drehbuch vorenthalten. Sie wurde zwar nicht penetriert, jedoch weint sie, weil sie von der Szene nichts wusste. [4][Später sagte Schneider, sie sei davon traumatisiert gewesen und habe sich „vergewaltigt gefühlt“.]

Über [5][Brooke Shields in „Pretty Baby“] könnte man noch sprechen, [6][Shelley Duvall in „The Shining“], den Regisseur von [7][„Blau ist eine warme Farbe“ Abdellatif Kechiche]. Es gibt unzählige Beispiele. Warum müssen Frauen „vernünftig“ über Filme diskutieren, die Gewalt an ihnen legitimieren? Warum darf am Originalmaterial nichts verändert werden? Warum ist es unvorstellbar, solche Szenen, die reale männliche Gewalt zeigen, zu entfernen? Wäre es nicht sogar legitim, wenn wir ihre Verbrennung fordern?

Diese Szenen herauszuschneiden, wäre keine politisch korrekte Zensur oder ein Symptom moralischer Kleinkariertheit. Die Szenen zeigen Missbrauch an Frauen, festgehalten für die Ewigkeit und verteidigt von einer Kulturbranche, die argumentiert, dass man Kulturrevision betreibe, wenn man solche Filme ändere. Aus der dargestellten Gewalt lernt sie aber nichts. Sie zu entfernen wäre deshalb ein revolutionärer Schritt, ein selbstermächtigender Akt der Zerstörung.

9 Jun 2026

[1] https://www.artsy.net/article/artsy-editorial-el-museo-del-barrio-canceled-alejandro-jodorowsky-exhibition-directors-comments-sexual-assault

[2] https://www.rogerebert.com/great-movies

[3] /Wim-Wenders-und-die-Nacktszenen/!6178459

[4] https://www.dailymail.com/tvshowbiz/article-469646/I-felt-raped-Brando.html

[5] https://www.berliner-zeitung.de/article/hollywood-leute-promis-als-kind-nackt-im-playboy-brooke-shields-erzaehlt-ihre-verstoerende-geschichte-schauspielerin-berichtet-in-der-neuen-dokumentation-pretty-baby-unfassbare-dinge-332342

[6] https://chscommunicator.com/90269/opinion/2024/04/the-working-environment-of-the-shining/

[7] https://www.hollywoodreporter.com/news/general-news/blue-is-warmest-color-director-2-622423/

AUTOREN

Valérie Catil

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Kolumne Vierte Wand

Patriarchat

Sexualisierte Gewalt

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Wim Wenders

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