taz.de -- Übers Glück des Tanzens: Morgens, nach dem Rausch

Mit Bewegungen in den Tag zu starten beglückt das Gemüt und schärft die Sinne für Neues und Altes in der eigenen Stadt.

Bild:

Nackt und frisch geduscht steht der Tanzlehrer vor dem Waschbecken – mit dem Rücken zu mir und einem blauen Handtuch in der Hand. Ich sehe ihn nur als Spiegelbild in der Glasscheibe, die die Umkleide vom Tanzsaal trennt. Ein Sonnenstrahl, der durch das Fenster fällt, beleuchtet ihn von der Seite. Sein Spiegelbild vermischt sich mit dem Bild der Tänzer*innen, die die Schritte einer Choreografie proben.

Im Hintergrund läuft klassische Musik, die Umkleide riecht nach Deodorant und Duschgel.

Vorhin, während des Trainings, ruft er: „Los, schwitzt mit mir!“ und später: „Lächeln!“ Etwas, das ich nicht auf mich beziehe, denn ich lächle schon die ganze Zeit. Normalerweise tanze ich abends, und allein die Tatsache, bei Tageslicht zu tanzen, macht mich glücklich. Dazu kommt seine donnernde Stimme, mit der er uns immer wieder anfeuert, nicht aufzuhören, uns zu bewegen.

Durch das Fenster sieht man die Terrasse eines Hauses, auf der einige Menschen sitzen und sich unterhalten. Hinter ihnen steht als Graffiti an einer Wand: „Good Job“.

Als wir mit E. hinausgehen, riecht die Straße nach Sommer und Essen. Eine lauwarme Brise lässt uns immer wieder seufzen und sagen, wie schön doch alles ist. In diesem Rauschzustand laufen wir die Kastanienallee hinunter und machen einen Stopp in einem Café. Während wir Brioche essen und frisch gepressten Orangensaft trinken, reden wir pausenlos über den Tanzkurs. Gegenüber spielt ein Mann Gitarre, also haben wir sogar Live-Musik.

Wir sind so gut gelaunt, dass uns nicht einmal das Gedränge am Alexanderplatz stört, als wir später auf dem Weg nach Hause mit dem Fahrrad vorbeifahren. Im Gegenteil: Wir wirken wie sorglose Touristinnen und zeigen uns gegenseitig eine Kirche hier und einen Baukran dort, als würden wir alles zum ersten Mal sehen.

„Tanzen ist die beste Art, einen Tag zu beginnen“, sagt E. Und ich glaube, sie hat recht.

7 Jun 2026

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Luciana Ferrando

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