taz.de -- Femizid in Griechenland: 45-mal mit dem Küchenmesser zugestochen

Der brutale Mord an der 39-jährigen Vassiliki K. erschüttert Griechenland – und löst eine neue Debatte über Gewalt gegen Frauen aus.

Bild: Demonstration am Internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen in Athen, hier eine Aufnahme von 2018

Ihre beiden Töchter schliefen im Kinderzimmer, als er mit einem Küchenmesser insgesamt 45 Mal auf sie einstach. Unglaubliche 45 Mal. Mit voller Wucht, brutal, ohne Gnade. Sie wehrte sich, schrie, versuchte irgendwie ihrem Mörder zu entkommen. Vergeblich. Vassiliki K. starb in ihrer Wohnung im Alter von nur 39 Jahren. Der mutmaßliche Täter: ihr Ehemann, Angelos, 41.

Der Femizid ereignete sich in der Nacht auf Montag in der Küstenstadt Kalamata im Süden der Halbinsel Peloponnes. Hellas steht seither unter Schock. Nicht nur wegen der kaum zu übertreffendenden Brutalität der schrecklichen Tat. Vassilikis Leiche war mit Stichwunden übersät. Ein vorderer sowie zwei seitlich rückseitige Messerstiche in der linken Brust führten zu ihrem Tod.

Vassiliki soll das Leben geliebt haben: Sie kümmerte sich um ihre Kinder, sechs und zehn Jahre alt, traf sich in einer Müttergruppe, besuchte eine Tanzschule. Ihr Ehemann Angelos, Steuerberater von Beruf, joggte gerne auf der Strandpromenade von Kalamata. Man sah ihn oft in den unzähligen Cafés der Stadt, Dreitagebart, Sonnenbrille, ein klassischer Καλαματιανός, ein „Bewohner Kalamatas“.

Heile Welt nach außen

Nach außen eine heile Welt. Doch Vassiliki befürchtete offenbar schon früh, dass ihr Mann Angelos ihr Böses antun, sie gar umbringen könnte. Er habe sie „oft geschlagen“, berichtet nun Vassilikis Schwester. Wie die Polizei herausfand, hatte der Mann ein Ortungsgerät im Auto seiner Frau sowie Abhörgeräte in ihrer Wohnung angebracht. Er soll ein gefälschtes Profil in den sozialen Medien angelegt haben, um so die Webaktivitäten seiner Frau zu überwachen.

Wie ihr Tanzlehrer inzwischen aussagte, habe er im November die Polizei gerufen, weil Vassiliki nicht zur Tanzstunde erschienen und auch nicht ans Telefon gegangen sei. Den Polizisten habe Vassiliki die Tür ihrer Wohnung zwar geöffnet, zugleich aber erklärt, dass „alles in Ordnung“ sei.

War es aber offensichtlich nicht. Einer Freundin vertraute Vassiliki an: „Du kannst dir nicht vorstellen, was ich durchmache. Ich will es dir aber nicht erzählen. Ich will nicht, dass du Mitleid mit mir hast.“ Vassiliki wollte raus aus ihrem Käfig. Nur: Wohin? Schutzunterkünfte für von häuslicher Gewalt betroffene Frauen sind in Hellas rar. In der Region Peloponnes existiert nur ein Frauenhaus, eine Autostunde von Kalamata entfernt. Es hat viel zu wenige Betten.

Der Mann wollte sie nicht gehen lassen

Ihre Eltern leben nicht mehr, sie selbst war mittellos. So suchte sie einen Job, um auf eigenen Beinen stehen zu können – ohne auf Angelos angewiesen zu sein, wie die taz erfuhr. Sie wollte sich friedlich von ihm trennen „Lass mich mit den Kindern gehen. Mehr will ich nicht“, habe Vassiliki ihm zuletzt fast täglich gesagt. Doch Angelos wollte sie nicht ziehen lassen. Daher habe sie mit ihrer Schwester „einen Geheimplan“ ausgearbeitet, wie sie fliehen könnte, sagt Vassilikis Schwester.

Doch Angelos kam ihnen zuvor. Inzwischen hat er den Mord an seiner Frau gestanden, er könne das Geschehene „nicht begreifen“, gab er zu Protokoll. Rechtskräftig verurteilt ist er noch nicht. Am Freitag wird er einem Untersuchungsrichter vorgeführt. Vassiliki wurde am Mittwochabend in Kalamata begraben. Der Fall hat abermals [1][eine öffentliche Debatte über Femizide] ausgelöst. Sie haben sich in Griechenland seit 2020 verfünffacht. Wie ein Experte zur taz sagt, sei [2][die Dunkelziffer von nicht gemeldeter Gewalt an Frauen in Griechenland „sehr hoch“]. Das gelte besonders in „geschlossenen Gesellschaften“ wie Kalamata.

4 Jun 2026

[1] /Verschaerfung-des-Strafrechts-Haertere-Strafen-fuer-Femizide-geplant/!6177824

[2] /Femizid-in-Griechenland/!6004132

AUTOREN

Ferry Batzoglou

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Schwerpunkt Femizide

Internationaler Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen

Griechenland

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