taz.de -- Ukrainer in russischer Armee: Frisches Kanonenfutter für Putin

Auch nach Verbüßen ihrer Haftstrafen landen Ukrai­ne­r:in­nen in russischen Strafkolonien. Dort bleiben sie, bis sie „freiwillig“ der russischen Armee beitreten.

Bild: Betroffene Ukrai­ne­r:in­nen leben wie in einem russischen Gefängnis, ohne Aussicht auf Entlassung

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Istories öffnet mit dem folgenden Beitrag ein Fenster nach Russland. Den ganzen Text lesen Sie [2][hier auf Russisch] und [3][hier auf Englisch].

Ukrainer:innen, die [4][in russischen Gefängnissen] ihre Haftstrafen für gewöhnliche Straftaten verbüßt haben, kommen nach ihrer Entlassung nicht in Freiheit. Stattdessen landen sie in sogenannten Abschiebezentren und Isolationslagern für Ausländer:innen. Circa 1.000 Ukrainer:innen sollen betroffen sein.

In diesen Lagern wird ihre Haft immer wieder verlängert, oft ohne klare Perspektive. Gleichzeitig setzen die Behörden viele der Menschen unter Druck, Verträge mit dem Militär zu unterschreiben, um in der russischen Vollinvasion [5][in der Ukraine] eingesetzt und schließlich verheizt zu werden.

Betroffene Ukrainer:innen leben wie in einem russischen Gefängnis: ohne ausreichende medizinische Versorgung und ohne die Möglichkeit, in ihre ukrainische Heimat zurückzukehren. Das unabhängige Medium IStories hat mit einigen von ihnen gesprochen.

Olga in der russischen Strafkolonie

Zum Beispiel mit Olga. Ihre Haftzeit endete im Januar 2026. Doch statt in Freiheit zu kommen, wurde die Ukrainerin in ein Abschiebezentrum für Ausländer in Zentralrussland gebracht – eine russische Strafkolonie.

Schon als Jugendliche war Olga nach Russland gekommen, hatte dort die Schule abgeschlossen und einen Hochschulabschluss erlangt; ihre ukrainische Staatsbürgerschaft behielt sie jedoch. Kurz bevor sie ihre Haftstrafe vollständig verbüßt hatte, erklärte die russische Gefängnisbehörde ihren weiteren Aufenthalt im Land für „unerwünscht“. Daraufhin ordnete das Innenministerium ihre Abschiebung an.

Die Abschiebung ausländischer Gefangener nach Verbüßung ihrer Haftstrafe ist in Russland seit Jahren gängige Praxis, sagt Alexei Ladukhin, Menschenrechtler bei der Organisation Every Human Being, zu Istories.

Seit Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine werden Ukrainer:innen jedoch nicht mehr direkt abgeschoben. Viele verbringen nun Monate oder sogar Jahre in Abschiebezentren.

Auf unbestimmte Zeit der Freiheit beraubt

IStories liegt ein Gerichtsbeschluss vor, mit dem die Unterbringung eines ukrainischen Staatsbürgers in einem solchen Zentrum verlängert wurde. Die Begründung des Gerichts lautet:

„Die Umstände, die einer Abschiebung entgegenstehen, sind vorübergehender Natur. Nach dem Ende der militärischen Spezialoperation kann die betroffene Person in ihr Herkunftsland abgeschoben werden.“ De facto bedeutet das: Menschen werden auf unbestimmte Zeit ihrer Freiheit beraubt.

Russland nutzt Ukrainer:innen, die eigentlich abgeschoben werden müssten, inzwischen offenbar auch als Verhandlungsmasse für den Gefangenenaustausch.

Beim großen Austausch „1.000 gegen 1.000“ im Mai 2025 kehrten zwar 120 ukrainische Zivilist:innen in die Ukraine zurück. Unter ihnen befand sich jedoch niemand, der nach Beginn des Krieges aus den besetzten Gebieten verschleppt worden war.

Stattdessen übergab Russland vor allem jene Ukrainer:innen, die ohnehin hätten abgeschoben werden müssen. Unter ihnen befanden sich ehemalige Häftlinge aus russischen Strafkolonien und Gefangene aus der zwischenzeitlich russisch besetzten Stadt Cherson, die 2022 ins russische Kernland gebracht worden waren.

„Keine Seife, keine Zahnbürsten“

Die Zustände in den Unterkünften, in denen Ukrainer:innen festgehalten werden, sind teilweise sogar noch miserabler als in den Strafkolonien. Es mangelt an allem: Nahrung, Hygiene und medizinischer Versorgung.

Ein Zentrum im Nordkaukasus soll laut Betroffenen sogar voll belegt gewesen sein, als immer wieder neue Personen ankamen. Ukrainische Staatsangehörige, die auf ihre Abschiebung warten, wurden deshalb in eine spezielle „Haftanstalt für Personen im Verwaltungsarrest“ gebracht.

„Das ist ein ganz normales Gefängnis – nur mit noch weniger Komfort“, sagt der Ukrainer Nikolai. „Es gibt keine Spaziergänge, keine Krankenstation, eigentlich gar nichts, statt Betten nur Pritschen. Vier Menschen in einer Zelle. Überall unhygienische Zustände. Keine Seife, keine Zahnbürsten, keine Hygieneartikel. Ärzte gibt es nicht. Das Essen ist schrecklich. Erst im April wurde eine Dusche eingerichtet, davor wuschen wir uns in einer Schüssel.“

Alle Gesprächspartner:innen berichten, dass ehemalige Häftlinge – besonders jene aus den heute von Russland besetzten ukrainischen Gebieten – gezielt angeworben werden, um im Krieg gegen die Ukraine zu kämpfen.

„Wir hören immer wieder dieselbe Botschaft: Man lässt die Leute einfach in diesen Zentren sitzen, bis sie irgendwann aufgeben und einen Vertrag für die,militärische Spezialoperation' unterschreiben – als Kanonenfutter“, erzählt Jaroslaw. Vor sechs Monaten wurde er nach seiner Haftstrafe offiziell entlassen. Er sitzt immer noch im Abschiebezentrum.

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27 May 2026

[1] /Unser-Fenster-nach-Russland/!t5916992

[2] https://istories.media/stories/2026/05/20/tyurma-bez-kontsa/

[3] https://istories.media/en/stories/2026/05/20/never-ending-prison/

[4] /Inhaftierte-Frauen-in-Russland/!6178808

[5] /Peruanerinnen-im-Ukrainekrieg/!6176423

[6] https://secure.spendenbank.de/form/1705?langid=1--

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Tigran Petrosyan

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