taz.de -- Expertinnen über Antifeminismus: „Einstiegsdroge trifft es gut“
Auch in den Betrieben stehen Gleichstellungserfolge unter Druck. Ebert-Stiftung und DGB beleuchten in Hamburg das Problem und Handlungsmöglichkeiten.
Bild: Einfallstür für rechte Narrative: Unisex-Toilette
taz: Tanja Chawla, Stine Klapper, warum ist es wichtig, sich mit Antifeminismus in der Arbeitswelt, im Betriebzu beschäftigen?
Tanja Chawla:[1][Antifeminismus] bezeichnet eine politische Strategie, die sich breit gegen Gleichstellungspolitik, Geschlechtergerechtigkeit und Vielfalt wendet. Das sind für uns existenzielle demokratische Werte, die in unserer gewerkschaftlichen DNA verankert sind. Deswegen müssen wir die Auseinandersetzung führen, um uns gemeinsam zu sensibilisieren und zu wappnen, und zwar genau an den Orten, an denen wir sind: im Betrieb und in der Gesellschaft.
Stine Klapper: Wir wissen aus der Forschung, dass demokratisch organisierte Betriebe auch demokratischere Arbeitnehmer:innen haben. Der Betrieb ist ein Ort, an dem Demokratie gelebt und gelernt wird – an dem es aber auch in die andere Richtung gehen kann. Wenn es politisch nicht mehr opportun ist, sind halt Diversity-Programme und [2][Gleichstellungsbeauftragte] auf einmal weg. Uns ist wichtig, die Narrative zu erkennen und dass es um mehr geht als bloß mal einen blöden Spruch.
taz: Hören Sie dazu denn etwas etwa von Betriebsrät:innen?
Chawla: Gleichstellung wird immer noch viel zu oft als „softes“ Thema, also als zweitrangig gesehen. Dementsprechend hören wir, dass innerbetriebliche Gleichstellungsprogramme aktuell seitens von Geschäftsführungen nicht zu den wichtigen Kennziffern gehören. Gleichzeitig nehmen wir wahr, dass Unsagbares wieder sagbar geworden ist. Es kommt zu Tabubrüchen, die „nur ein Scherz“ gewesen sein sollen. In einer Befragung haben 95 Prozent der Gleichstellungsbeauftragten gesagt, dass sie ihre Arbeit durch antifeministische Diskurse bedroht sehen. Über 60 Prozent erwähnen Angriffe, und seien die nur verbaler Art.
taz: Die Demokratiefeindlichkeit tritt im Titel der Veranstaltung noch vor dem Antifeminismus auf. Ist der eine Art Einstiegsdroge?
Klapper: Einstiegsdroge trifft es ganz gut. Er ist ein Einfallstor, weil er schön einfache Erklärungsmuster bietet. Gerade auch für Menschen, die sich angesichts der doch sehr komplexen gesellschaftlichen Zusammenhänge und Herausforderungen vielleicht bedroht fühlen. Da hilft es vordergründig, sich an einfachen Dingen festzuhalten – wie an klaren Rollenvorstellungen und klar benannten Schuldigen. Auch die Forschung sagt, dass der Antifeminismus oft ein Einfallstor ist für größere rechtsextreme oder eben auch demokratiefeindliche Bewegungen.
Chawla: Unsere Demokratie hat uns weit gebracht und muss heute dringender denn je gefeiert werden. Die Mitte-Studie …
taz: … die[3][zweijährliche Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung] …
Chawla: … belegt, dass, je verunsicherter die Menschen werden, desto eher neigen sie dazu, demokratiefeindliche Ansichten zu übernehmen. „Die Anderen“ zu Schuldigen zu machen, war schon immer ein bewährtes Mittel rechter Strategien. Einstiegsdroge trifft es gut, da eine Radikalisierung oft mit Antifeminismus beginnt.
taz: Richten Sie auch Forderungen an die Politik?
Klapper: Das primäre Ziel des Fachtages ist ein anderes: Wir wollen ja erst mal auf die Betriebe schauen. Aber abends bei der Diskussion mit [4][Natascha Strobl] und [5][Susanne Kaiser] werden wir das Phänomen breiter betrachten und von den beiden Expertinnen einordnen lassen. Ich glaube schon, dass wir auch und gerade in der Politik das Thema mehr pushen müssen: Wie sehr haben sich Diskurse verschoben – auch in den Parlamenten und in den Parteien?
Chawla: Erst einmal wollen wir in die Debatte gehen, um die Wirkungsweise von Antifeminismus und den Zusammenhang zur Demokratiefeindlichkeit zu beleuchten und zu fragen, wie das rechts-konservative Agendasetting funktioniert und wie wir dem besser auf der Straße und im Betrieb begegnen können. Aber klar ergeben sich daraus Forderungen: [6][Es braucht Fortschritte] in der Gleichstellung, keine Rückschritte, und genau [7][das erwarten wir von einer Sozialstaatsreform].
9 Jun 2026
LINKS
[1] /Antifeminismus/!t5020599
[2] /Gleichstellungsbeauftragte/!t5318462
[3] /Neue-Mitte-Studie-der-FES/!6123133
[4] /Warnung-vor-Radikalisierung-nach-rechts/!6100441
[5] /Autorin-ueber-Mobilmachung-im-Patriarchat/!5737243
[6] /Feminismus/!t5008172
[7] /Demo-gegen-Sozialabbau/!6183804
AUTOREN
Alexander Diehl
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Antifeminismus
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