taz.de -- Netflix-Serie „The Boroughs“: Wie „Stranger Things“, aber mit Rentnern
Die Serie „The Boroughs“ erzählt von einer Rentnersiedlung, die von Monstern heimgesucht wird. Etwas schmalzig, aber mit Wumms.
Bild: Der frisch verwitwete Sam hasst die „Boroughs“, in die seine Tochter ihn abgeschoben hat
Während hierzulande fleißig über die kommende [2][Rentenreform] gestritten wird, liefert Netflix mit einer Art „Stranger Things“-Serie, das passende Angebot für die immer größer werdende Zielgruppe der Rentner. Der Vergleich liegt nahe, weil die Duffer-Brüder als ausführende Produzenten dieser flott gemachten Serie unter anderem als Macher der Serie „Stranger Things“ bekannt sind.
Der starbesetzte Achtteiler ist in einer ähnlichen Schnittmenge aus Fantasy, Science-Fiction und Horror light angesiedelt. Wie in „Stranger Things“ muss sich in „The Boroughs“ erst eine Gruppe Menschen zusammenraufen, um sich gemeinsam gegen eine finstere Bedrohung zu wehren.
Nur sind die skurrilen Helden dieser Monsterjagd keine Teenager, sondern gestandene Rentner mit Mitte 70. Die titelgebenden „Boroughs“ sind eine Siedlung im Stil einer schicken Suburb für Menschen, die altersbedingt alleine nicht mehr so ganz zurechtkommen, irgendwo in der Wüste von Nevada. Doch nachts gehen seltsame Dinge vor sich, wie Neuzugang Sam Cooper (Alfred Molina) bald feststellt.
Ein ungemütlicher Ruhestand
Der frisch verwitwete Sam hasst die „Boroughs“, in die seine Tochter ihn abgeschoben hat, und freundet sich nur widerwillig mit seinen Nachbarn an. Bis er plötzlich nachts ein widerliches Monster beobachtet, das über seinem schlafenden Nachbarn Jack (Bill Pullmann) hängt und diesen auszusaugen scheint. Leidet er an Halluzinationen? Das legen ihm zumindest der zu Hilfe gerufene Sicherheitsdienst und auch das medizinische Personal der Siedlung nahe. Oder haben die etwas zu verbergen? Und welche Rolle spielt der schleimige Boroughs-CEO Blaine (Seth Numrich), der Sam freundlich mit der Demenzstation droht?
Trotzdem steckt er bald mitten in einem aberwitzigen Abenteuer. Mit dabei seine neue Nachbarin Rene (Geena Davis), die heftig mit Art (Clarke Peters) flirtet, einem 30 Jahre jüngeren Sicherheitsbeamten, der ständig kifft, und seine frisch in einen anderen Rentner verliebte Ehefrau Judy (Alfre Woodward). Und natürlich glaubt ihnen niemand. Bis sie ein Monster erlegen und feststellen, dass es davon noch mehr gibt. Sind das Außerirdische?
Zwischen Idylle und Verwertungslogik
Unter der perfekten Oberfläche des Rentnerparadieses lauert das finstere Grauen. In der Wüste entdeckt Art schließlich einen geheimnisvollen Baum, an dem süße Früchte wachsen, die ihn jünger werden lassen. Hat all das etwas mit den rentneraussaugenden Monstern zu tun?
Die Serie, in der alle älteren Herrschaften fortwährend über Wehwehchen klagen, aber keineswegs Lebensmut, romantisches Begehren oder gar ihre Wehrhaftigkeit einbüßen, lässt sich als Allegorie auf die profitorientierte [3][Pflegeindustrie] verstehen, für die alte Menschen eine Ressource sind. Das wirkt mitunter etwas einfach, endet mit schmalziger Moral, hat aber auch Charme und popkulturellen Wumms.
So gelingt es Sam, beim Karaoke in der Demenzstation mit [4][Bruce Springsteens] Hit „Thunder Road“ (1975) einen Aufstand anzuzetteln, als er die Zeilen singt und alle einstimmen: „Don’t turn me home again. I just can’t face myself alone again.“ Im Gegensatz zu Hollywoods Action-Rentner-Filmen wie „R.E.D.“, die das Mackertum altgewordener Stars zelebrieren, punktet „The Boroughs“ mit subversiver Ironie.
27 May 2026
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AUTOREN
Florian Schmid
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