taz.de -- Spielfilm „The North“: Roadmovie mit Wanderstöcken

Regisseur Bart Schrijver schickt im Film „The North“ zwei alte Freunde auf Wanderung durch die Highlands. Sie finden dabei Kalenderweisheiten.

Bild: Ein fordernder Trail: Chris (Bart Harder) und Lluis (Carles Pulido) in „The North“

Ein Vorort von Glasgow, unweit der Highlands. Zwei alte Freunde, sie heißen Lluis und Chris, begegnen sich hier nach längerer Zeit wieder. Vor etwa zehn Jahren waren die beiden Mitbewohner, jetzt werden sie sich ein Zelt teilen, vor allem aber gemeinsam wandern. 600 Kilometer, den West Highland Way und den Cape Wrath Trail entlang bis zur Küste, an der es scheint, als hätte man das Ende der Welt erreicht.

Das eigentliche Ziel dieser Reise, die der Niederländer Bart Schrijver unter dem schlichten Titel „The North“ ins Kino bringt, [1][ist ein anderes]. Es schwebt wie eine unausgesprochene Frage über den saftigen Wiesen und sanft anmutenden Bergketten, die die beiden Mittdreißiger anfangs noch heiter angehen. Kann diese Tour ihrer Freundschaft wieder Leben einhauchen? Teilt man außer den Erinnerungen an die gemeinsame Vergangenheit noch irgendetwas, das verbindet?

Wer je versucht hat, eine Freundschaft aufrechtzuerhalten, etwa über wechselnde Wohnorte, Partner:innen oder Lebensentwürfe hinweg, ahnt, dass ein schöner Weg und ordentliches Schuhwerk allein dafür nicht reichen. Denn bald ist erzählt, was zuletzt „so passiert“ ist. Dann stehen die Freunde mit knurrenden Mägen im Sturm, das Regenwasser schmatzt in den Schuhen und die Ansichten darüber, wie das Zelt aufzubauen sei, gehen weit auseinander.

Was den beiden hilft, ist Zeit. Fast einen Monat haben sie für die Strecke. Schrijver und sein kleines Team sind sie mitgelaufen, es wurde chronologisch gedreht, das ist selten. Gefühlt ist man live dabei, wenn sich Etappe um Etappe neue Herausforderungen präsentieren. Hier ist es ein schmerzendes Bein, dort haben die Handys keinen Empfang. In einer einsamen Hütte kommt erst Chris, im Fischerdorf Ullapool schließlich Lluis dahinter, was der jeweils andere dem Freund nicht ins Gesicht sagt.

Was das Laufen in Bewegung setzt

Überhaupt reden die beiden nicht viel miteinander. [2][Auch ohne Geschlechterklischees breittreten zu wollen,] fragt man sich deshalb in manchen Momenten, ob die dokumentarische Anmutung des Films nicht versehentlich zur Satire wird. Man erinnert sich dann recht schnell wieder daran, dass auch Freundinnen sich aus dem Blick verlieren und nicht jederzeit offen miteinander sprechen.

Es geht hier weniger darum, dass Reden hilft, als darum, was das Laufen innerlich in Bewegung setzt. „Nothing brings out the truth in you like walking for a long time in nature“, sagt ein schottischer Wanderer einmal zu Chris, als der und Lluis sich gerade getrennt fortbewegen, also nichts bringt dich deiner inneren Wahrheit näher, als ein langer Weg in der Natur. Und weil der Mann diesen unnachahmlichen Dialekt spricht und einen vertrauenswürdigen Rauschebart trägt, merkt man sich den Satz gleich viel lieber, als hätte man ihn auf einem Abreißkalender gelesen.

„The North“ ist ein Roadmovie, das auf Trekkingstöcke und das Heilungspotenzial einer steinigen Strecke vertraut, statt auf PS und bahnbrechende Dialoge. Wahrscheinlich wird der Film deshalb gern mit dem Hinweis versehen, man müsse ihn unbedingt im Kino sehen. Nicht nur der Landschaftsaufnahmen wegen, sondern weil mit schwindender Aufmerksamkeitsspanne auch die Fähigkeit sinkt, sich auf solche Erzählungen einzulassen.

[3][Im Kino funktioniert es noch]. Dort bekommt man dann auch mit, dass es zwischen zwei Menschen mindestens zwei Arten von Stille gibt. Die eine trägt alles Ungesagte in sich, die andere nimmt man kaum wahr. Ist der gemeinsame Weg lang genug, kann man im besten Fall ebenso gut miteinander reden wie schweigen.

26 May 2026

[1] /Beduerfnis-nach-Naturerfahrungen/!5849296

[2] /Neues-Buch-ueber-Jugend-in-Deutschland/!5133188

[3] /Filmfestspiele-Cannes-Favoriten/!6177980

AUTOREN

Katharina Böhm​

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