taz.de -- Neun Monate Sperrung des RE1: Die Bahn hängt den Osten endgültig ab

Seit Jahren wird auf der Bahnstrecke zwischen Berlin und Polen gebaut. Nun soll es 2029 eine Sperrung von neun Monaten geben. Die Kritik ist riesig.

Bild: Und die sollen alle in einen Bus passen?

40 Jahre nach dem Fall der Mauer wird der Osten endgültig abgehängt. Wie am Montag bekannt wurde, soll die Strecke des RE1 von Berlin Ostbahnhof bis Frankfurt (Oder) in drei Jahren für neun Monate wegen Bauarbeiten gesperrt werden. Es wäre nach der Vollsperrung der ICE-Trasse Berlin–Hamburg die längste Sperrung einer Bahnlinie in der deutschen Eisenbahngeschichte.

Die Nachricht erreichte die 60.000 Pendlerinnen und Pendler, die die am stärksten nachgefragte Regionallinie in Ostdeutschland nutzen, nach einem Treffen des Linken-Bundestagsabgeordneten Christian Görke und Lars Gehrke, dem Chef der Odeg, die den RE1 seit 2022 betreibt. „Die Strecke zwischen Berlin und Frankfurt ist seit Jahren eine Großbaustelle“, sagte Gehrke. Der Osten Brandenburgs drohe „abgehangen zu werden“. „Selbstmord mit Ansage“, nannte Görke die Sanierungspläne.

Schon heute ist die Fahrt von Berlin nach Frankfurt oft ein Vabanquespiel. Der 20-Minuten-Takt, den die Odeg eigentlich fahren wollte, wurde wegen der vielen Baustellen schnell wieder kassiert. Oft kündigt die DB-Tochter InfraGo Baustellungen erst kurz vor Beginn der Bauarbeiten an. Es ist dieselbe InfraGo, die nach der Sanierung zahlreicher Bahnhöfe der Regionalbahnlinie 36 zwar Schilder angebracht hat, dass am Geländer keine Räder abgestellt werden dürfen – Fahrradbügel aber gibt es bis heute nicht.

In Ostbrandenburg ist seit Montag jedenfalls die Aufregung riesig. „Für die Wirtschaft ist das schlicht eine Katastrophe“, [1][schimpfte Guido Noack, Verkehrsreferent bei der IHK Ostbrandenburg], am Dienstag. Eisenhüttenstadts parteiloser Bürgermeister Marko Henkel sagte dem RBB: „Wenn ich mir jetzt vorstelle, dass unsere Pendler mit dem Bus nach Frankfurt (Oder) fahren und von dort dann mit dem Bus nach Berlin, also da verlängert sich der Arbeitsweg ja pro Fahrt um eine Stunde und mehr, und das ist ja nicht mehr zumutbar.“

Betroffen sind auch Tesla und die Viadrina

Betroffen wäre auch die Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder), die ohnehin seit Langem mit sinkenden Studierendenzahlen zu kämpfen hat. Schon heute schauen Studierende dort gerne auf die Entwicklung, die die Bahn in Polen genommen hat. Mit dem neuen Pendolino dauert die Fahrt von Stettin nach Warschau nur wenig mehr als vier Stunden.

Sollte es bei den Planungen bleiben, säßen die Menschen in Frankfurt (Oder) und im polnischen Słubice tatsächlich bald wieder im Niemandsland zwischen Grenze und Berlin. Kein Wunder, wenn sich die Arbeitskräfte dann auf die polnischen Boomtowns Posen, Breslau und Warschau konzentrieren und Berlin den Rücken kehren.

Auch für Tesla wäre die Sperrung nicht ohne Folgen. „Es gibt kein Unternehmen in dieser Größenordnung, das so stark am öffentlichen Nahverkehr – sprich dem RE1 – hängt“, so IHK-Mann Noack. „Schon deshalb ist diese Sperrung nicht möglich.“

Odeg-Chef Gehrke übt unterdes auch Kritik an der Deutschen Bahn. „Es gibt Momente im Leben eines Geschäftsführers, an denen man das Gefühl hat, dass Projekte schneller vorankommen, wenn es nicht die Odeg betrifft.“ Tatsächlich hatte die Odeg in den Monaten Januar bis April die größten Ausfälle seit Langem. [2][Wegen Bauarbeiten konnten 13 Prozent der Züge nicht fahren]. 2025 waren es 8 Prozent, in den beiden Jahren davor jeweils 5 Prozent.

Auch der Fahrgastverband hält sich deshalb mit Kritik nicht zurück. „Für die Fahrgäste ist das nicht nur ein Schlag in die Magengrube, sondern Mobilitätsentzug“, sagte Thomas Schirmer von Pro Bahn am Dienstag dem RBB.

21 May 2026

[1] https://www.rbb24.de/panorama/beitrag/2026/05/re1-regionalexpress-bauarbeiten-kritik-ihk-sev-bahn-ausfaelle-probahn.html

[2] https://www.rbb24.de/panorama/beitrag/2026/05/brandenburg-bahn-verkehr-re1-odeg-frankfurt-oder-ausfaelle-sperrung.html

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Uwe Rada

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