taz.de -- Ausstellung im Kunstquartier Bethanien: Der Raum, der fehlt

Im Kunstquartier Bethanien erzählen Betroffene von Kindesmissbrauch ihre Geschichten in Fotos und Texten. Das Ziel: mehr Sichtbarkeit.

Bild: Porträts Betroffener von Kindesmissbrauch im kirchlichen Kontext

„Wir haben in Deutschland keinen Ort für Menschen, die von sexuellem Missbrauch in der Kindheit und Jugend betroffen sind“, sagt Kerstin Claus. „Es fehlt ein öffentlicher Raum für das Thema!“ Lauter Applaus brandet im Saal für die Worte der Bundesbeauftragten gegen sexuellen Kindesmissbrauch auf. Von den Wänden blicken Porträtfotos Betroffener auf das Publikum. Man meint, sie würden zustimmend nicken, wenn sie könnten.

Der Hauptsaal der [6][Fotoausstellung „Sichtbarkeit(en)“] ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Einen Raum findet das Thema eine Woche lang in der Fotoausstellung im Kunstquartier Bethanien. Mehr als 70 Personen sind am Abend zur Eröffnungsdiskussion über die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt in der Kirche gekommen. Anhand der Fotos und Werke von der Ausstellungskuratorin Ilonka Czerny sowie Jens Wiedel und Simone Padovani werden Geschichten und Kämpfe von Betroffenen erzählt.

Auf 33 Porträts halten sie Schilder mit ihren Gefühlen hoch: „ausgeliefert“, „schamlos“, „gottlos“. Eine Besucherin kommentiert die schwarz-weiß Fotos: „Ich finde es schade, dass das immer so traurig und perspektivlos gezeigt wird.“ Sie habe selbst nach der sexualisierten Gewalt ein Jahr lang Traumatherapie gebraucht. Ohne die hätte sie es nicht geschafft, sagt sie und zieht weiter in den nächsten Raum.

In Deutschland sind [7][nach aktuellen Zahlen] mehr als 6.000 Fälle sexueller Gewalt in der Kirche dokumentiert. [8][Dunkelfeldstudien] gehen von 114.000 mutmaßlich Betroffenen aus. In der Diözese Berlin liegt seit der [9][Auflösung der Aufarbeitungskommission] vor einem Jahr die Aufklärungsarbeit zu Opfer- und Täterzahlen zunächst auf Eis.

Aktivismus der Betroffenen kommt zu kurz

Zu ihren Kinderfotos haben Menschen über Depressionen, zerstörte Jugenden sowie die Schmerzen geschrieben, die sexuelle Übergriffe und Vergewaltigungen bei ihnen hinterlassen haben. Ungeordnet an die Wand geklebte Fotos zeigen internationale Konferenzen, Aktionen und Kommunikationskampagnen der Betroffeneninitiative Eckiger Tisch. „Im öffentlichen Diskurs kommt der Aktivismus der Betroffenen, die auf die Verbrechen aufmerksam machen“, oft zu kurz, erklärt der Sprecher der Initiative und Podiumsgast an dem Abend, Matthias Katsch. Am Fuße der Fotowand wartet der Therapiehund der Ausstellungskuratorin geduldig darauf, dass Ilonka Czerny aus der Diskussion kommt.

Ein Mann aus dem Publikum fragt: „Warum beantragen so wenige Menschen Zahlungen bei der Kirche? Das wirft doch Fragen auf!“ In vier Jahren wurden weniger als 100 Anträge auf [10][Anerkennungszahlungen] bei der [11][Diözese Berlin] eingereicht. Seit der Einstellung des Fonds für sexuellen Missbrauch im vergangenen Jahr können Betroffene auch nach dem sozialen Entschädigungsrecht entschädigt und die Kosten, etwa für Psychotherapie, übernommen werden.

Im Jahr 2025 wurden jedoch zwei Drittel der Anträge auf Entschädigungsgeld abgelehnt. „Für Betroffene von sexualisierter Gewalt ist es fast unmöglich, den Kausalzusammenhang zwischen dem Missbrauch und den psychischen Leiden zu beweisen“, erklärt Matthias Katsch vom Eckigen Tisch. Förderungen der Betroffenen seien daher das billigste Mittel, damit das Thema nicht verschwindet.

Die Ausstellung soll auch der Gleichgültigkeit und dem institutionellen Versagen entgegenwirken. Bis zum 26. Mai ist sie täglich geöffnet –„für alle Menschen, die bereit sind, hinzugucken“.

20 May 2026

[6] https://www.eckiger-tisch.de/sichtbarkeiten-fotoausstellung-berlin/

[7] https://www.tagesschau.de/investigativ/fakt/sexuelle-gewalt-katholische-kirche-deutschland-100.html

[8] https://katholisch.de/artikel/20995-missbrauch-studie-vermutet-dunkelfeld-mit-bis-zu-144000-opfern

[9] https://katholisch.de/artikel/62171-missbrauchsbetroffene-bedauern-aufloesung-von-aufarbeitungskommission

[10] https://www.eckiger-tisch.de/betroffene-anerkennungszahlungen/

[11] https://www.anerkennung-kirche.de/fileadmin/uka/Dokumente/UKA-Taetigkeitsbericht-2025.pdf

AUTOREN

Gabrielle Meton

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