taz.de -- Die Wahrheit: Leipzig und seine Bärlauchbanden

Wer Bärlauch klaut, kriegt in Sachsen den Rechtsstaat in einer Härte zu spüren, wie sie in Ostdeutschland sonst nur den „Zecken“ vorbehalten ist.

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Es ist eine nachträgliche Ungerechtigkeit, dass der prunkvolle Titel „Karl-Marx-Stadt“ dereinst Chemnitz verliehen wurde. Denn jeder Sachse und jede Sächsin weiß: Marxistische Grundbegriffe werden in keiner Stadt lebhafter illustriert als in Leipzig.

„Geld und Ware sind nicht von vornherein Kapital, sowenig wie Produktions- und Lebensmittel“, schrieb der bärtige Kommunist über die „sogenannte ursprüngliche Akkumulation“. Dinge, denen nicht von Natur aus ein Preisschild angedeiht, die erst einmal niemandem gehören, wird der Kapitalismus früher oder später Wert und Besitz zumessen – zur Not mit Gewalt. Das gilt auch und insbesondere für Grund und Boden und alles, was auf und in ihm dahinvegetiert.

Im Leipziger Boden gedeiht im Überfluss etwas, das sich ab März mit einem würzig-scharfen, knoblauchähnlichen Geruch ankündigt: der Bärlauch. In Scharen strömt Leipzig daher im Frühjahr ins üppig vorhandene Grün, bewaffnet mit Messern, Sicheln und Beuteln, um ihn abzuernten. Viele Bärlauchistas vergessen dabei wohl aber, dass der Sozialismus in Sachsen vor einigen Jährchen in sich zusammengefallen ist. Ersetzt wurde er durch ein wahrhaft freiheitliches System, in dem nicht einfach jedes Kraut gemopst werden darf.

Im Freistaat regelt den Umgang mit Bär- und anderen Lauchen Paragraf 14 des sächsischen Waldgesetzes. Für „den persönlichen Bedarf“ ist es gestattet, aus heimischen Wäldern höchstens einen sogenannten „Handstrauß“ zu entnehmen. Eine erstaunlich liberale Regelung – haben Menschen doch unterschiedlich große und manchmal sogar unterschiedlich farbige Hände. Andernorts in Sachsen führt dieser Fakt zu sehr unterschiedlichen Auslegungen diverser Paragrafen.

Sind so große Hände

Im Februar nun erwischte die Leipziger Polizei Täter mit offenbar etwas zu großen Händen, die etwa [1][80 Kilo Knollen] an Bärlauch gefasst haben. Im vorigen Jahr sollen insgesamt sogar rund 800 Kilogramm des spargelartigen Lauchs unrechtmäßig entwendet worden sein. Und: Viele Bärlauchklauorte dürften die Diebe auch ohne überhandstraußgroße Beuteabsichten ob Naturschutz gar nicht betreten.

Bis vor Kurzem genügten der Polizei gelegentliche Streifgänge durch die Leipziger Botanik, um mal einen Bärlauchfinger zu schnappen. Seit bekannt ist, dass dort auch Menschen unter anderem aus Russland unterwegs sind, zieht man andere Register. Angeblich bevorzugten diese Personen statt der Blätter die Bärlauchknollen, weil wohl potenzsteigernd. Für den sächsischen Rechtsstaat steht so oder so fest – ausländische Bandenkriminalität. Ab sofort geht die Bullerei deshalb per Reiterstaffel gegen die Knollenklauer vor.

Den alten Marx hätte das nicht verwundert, wusste er doch: Im Kapitalismus gibt es kein Verbrechen außer dem Verbrechen gegen das Eigentum. Welche Banden in Sachsen sonst noch so ihr Unwesen treiben – geschenkt. Wer aber den Lauch klaut, kriegt den Rechtsstaat in einer Härte zu spüren, wie sie in Ostdeutschland sonst nur den „Zecken“ vorbehalten ist.

22 May 2026

[1] https://www.stern.de/news/baerlauchdiebe-in-sachsen-unterwegs--80-kilogramm-knollen-ausgegraben-37141306.html

AUTOREN

Konstantin Nowotny

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