taz.de -- Alexis Tsipras gründet neue Partei: Die Odyssee geht weiter

Griechenlands linker Ex-Premier will am 26. Mai den Namen seiner neuen Partei bekannt geben. Gelingt ihm das Comeback?

Bild: Ins Blaue gesprochen: Alexis Tsipras, linker griechischer Ex-Minister, will am 26. Mai die Gründung einer neuen Partei verkünden

Etwas in Szene setzen? Das kann er jedenfalls perfekt! Schon um acht Uhr am Montag in der Früh verbreitet Alexis Tsipras, Griechenlands linker Ex-Premier, in seinen sozialen Medien ein Video. Es ist superkurz, die politische Botschaft dafür glasklar: Zwei Jugendliche schauen von den Rängen eines vollen Fußballstadions auf den Platz und umarmen sich. Der Junge links trägt ein Trikot mit der Nummer 26, der Junge rechts eines mit der 5. Dann ist der Satz zu lesen: „Weder zu früh noch zu spät, jetzt ist die Zeit gekommen.“ Die Trikotfarbe der Video-Protagonisten: Blau, Hellas’ Nationalfarbe.

Na also! „26“ und „5“, also der 26. Mai. Gelüftet ist damit das Gründungsdatum der neuen Tsipras-Partei, bis dahin ein von ihm geradezu wohlgehütetes Geheimnis. Die Parteigründung an sich hat er indes schon seit Monaten mit der für Tsipras typischen methodischen Akribie vorbereitet, nachdem er Anfang Oktober überraschend sein Abgeordnetenmandat im Athener Parlament niederlegte und die Ex-Regierungspartei Syriza verließ.

Zuerst gründete Tsipras ein Institut, das sich mit Zukunftsfragen beschäftigt. Seit dem 24. November ist Tsipras’ erstes Buch mit dem so einprägsamen wie symbolträchtigen Titel „Ithaka“, Heimat von Odysseus in Homers „Odyssee“, erhältlich. Rasch avancierte [1][Tsipras’ Werk in Hellas zum Bestseller].

Aufstieg und Absturz des Vorzeige-Linken

In „Ithaka“ beschreibt Tsipras aus seiner Sicht die Ereignisse in Hellas und Europa vor allem ab Anfang 2015. Damals wurde der damalige Chef des „Bündnis der Radikalen Linken“ („Syriza“), Europas damaliger linker Vorzeigepartei, im Alter von nur 40 Jahren zum ersten linken Regierungschef seit Hellas’ offizieller Staatsgründung vor bald 200 Jahren gewählt. Beleuchtet wird darin auch der Zeitraum bis 2023, als er nach einer zweiten, verheerenden Wahlniederlage bei den hiesigen Parlamentswahlen zutiefst enttäuscht den Syriza-Vorsitz abgab. [2][Tsipras’ Senkrechtstart folgte der Absturz.]

„Ithaka“ hat – wie von Tsipras gewollt – den Weg für sein Politcomeback geebnet. Seine Botschaft: „Ich bin zu jung, um in den Ruhestand zu treten.“ Wie auch? Tsipras ist erst 51.

Die linken Kräfte bündeln

Tsipras will mit seiner neuen Partei die Kräfte der Sozialdemokratie, der Radikalen Linken sowie der politischen Ökologie bündeln. Im Kampf gegen die seit fast sieben Jahren herrschende Regierung der konservativen Nea Dimokratia will er zudem das hierzulande [3][gegenwärtig stark zersplitterte Mitte-links-Spektrum einen].

Tsipras’ Ziel: [4][Premier Kyriakos Mitsotakis, seinen ultimativen Widersacher, stürzen]. Der nächste Urnengang zu Füßen der Akropolis findet spätestens im Frühjahr 2027 statt.

Gelingt Tsipras das Comeback? Der Zuspruch für die neue Tsipras-Partei ist jedenfalls zuletzt stark gestiegen. Einer jüngsten Umfrage des Forschungsinstituts Alco zufolge erklärten 17 Prozent der Befragten, „sehr oder ziemlich wahrscheinlich“ für Tsipras und Co. votieren zu wollen.

Dass Tsipras fortan offenbar auf die Farbe Blau statt auf Rosarot, die Parteifarbe von Syriza, setzt, stört sie offenkundig gar nicht. Bliebe nur noch die Frage, wie die neue Tsipras-Partei heißen wird. Das will Tsipras am 26. Mai verraten. Tsipras’ Motto: „Σιγά, σιγά“ („langsam, langsam“) – und dann Gas geben! Das Prinzip des Sirtaki, des für den Film „Alexis Sorbas“ 1964 erfundenen Tanzes, der an griechische Volkstanztraditionen angelehnt ist. Tsipras, der ewig Reisende, hat Ithaka eben noch nicht erreicht.

18 May 2026

[1] /Buch-des-griechischen-Ex-Premiers/!6153445

[2] /Tsipras-gibt-Syriza-Vorsitz-ab/!5944271

[3] /Konflikt-unter-Griechenlands-Linken/!5968768

[4] /Demokratieverfall-in-Griechenland/!6102819

AUTOREN

Ferry Batzoglou

TAGS

Griechenland

Syriza

Alexis Tsipras

ARTIKEL ZUM THEMA

Beginn des Wahlkampfs in Griechenland: Neue Tsipras-Partei heißt „Griechisches Linksbündnis“

Griechenlands linker Ex-Premierminister Alexis Tsipras stellt seine neue Partei vor. Die nächste Wahl findet spätestens im Frühjahr 2027 statt.

Abhörskandal in Griechenland: Athen höhlt den Rechtsstaat aus

Die Staatsanwaltschaft setzt weiteren Ermittlungen im Abhörskandal ein jähes Ende. Premier Mitsotakis ist damit juristisch fein raus.

10 Jahre nach dem Oxi-Referendum: Als Griechenland sehr laut Nein sagte

2015 lehnten die Griechen ein vom Ausland verordnetes Sparpaket ab. Seither steht Ex-Premier Tsipras in der Kritik. Neue Informationen entlasten ihn.

Griechenlands linke Hoffnungsträgerin: Zoi Konstantopoulou

Die linke Politikerin Zoi Konstantopoulou mischt die griechische Politik auf. Sie gilt als eloquent und ist eine scharfe Kritikerin der Mitsotakis-Regierung.

Proxied content from gemini://taz.de/%216179643 (external content)

Gemini request details:

Original URL
gemini://taz.de/%216179643
Status code
Success
Meta
text/gemini;lang=de
Proxied by
kineto

Be advised that no attempt was made to verify the remote SSL certificate.