Extremsportler Arda Saatçi wird nicht als „junger migrantischer Mann“, sondern als Deutscher wahrgenommen. Klingt banal, ist aber bemerkenswert.
Bild: Extremsportler Arda Saatçi: Vielleicht brauchen junge Männer genau solche Geschichten
Während am [1][Vatertag] in Hamburg noch immer alte Bilder von Männlichkeit gefeiert werden – Bier trinken, Härte zeigen, bloß keine Gefühle – schauen Hunderttausende Menschen plötzlich einem jungen Mann dabei zu, wie er leidet, zweifelt, fast aufgibt und am Ende seine Mutter umarmt.
Arda Saatçi ist gerade 604 Kilometer am Stück durch die kalifornische Wüste gerannt, bis an die Pazifikküste bei Los Angeles. Livestreams, Tiktok-Clips, Kommentare überall. Viele sehen einen Extremsportler. Aber eben auch mehr als das.
Sie sehen einen jungen Mann mit türkischen Wurzeln, der nicht geschniegelt wirkt, nicht perfekt inszeniert. Jemanden, der Schmerzen zeigt. Der erschöpft ist. Der weint. Und der am Ende nicht mit Proteinshake und Alpha-Männlichkeit im Ziel sitzt, sondern mit seiner Mutter ein Eis essen geht. Vielleicht hat genau das so viele Menschen berührt.
Nicht „der Türke“, einfach ein Berliner
Fast alle großen deutschen Medien haben über Arda Saatçi berichtet, [2][auch die taz]. Interessant ist aber auch, wie über ihn gesprochen wird: nicht als „Integrationsproblem“, nicht als „junger migrantischer Mann“, nicht als Gefahr. Sondern einfach als Berliner. Oder Deutscher.
Das klingt banal, ist aber ziemlich bemerkenswert. Denn [3][migrantische Männer werden in Deutschland oft anders erzählt]. Meistens geht es um Gewalt, Kriminalität, Clan-Debatten oder „toxische Männlichkeit“. Besonders seit der [4][Silvesternacht 2015/2016] wurden junge, migrantisch gelesene Männer immer stärker zur Projektionsfläche gesellschaftlicher Ängste. Kontrollen, Generalverdacht, Sicherheitsdebatten – viele kennen das. Und dann kommt plötzlich jemand wie Arda Saatçi.
Arda Saatçi zeigt etwas, das im öffentlichen Bild migrantischer Männer oft kaum vorkommt: Verletzlichkeit.
Klar, da ist Ehrgeiz. Disziplin. Körperliche Leistung. Aber gleichzeitig wirkt er nicht wie einer dieser polierten Motivations-Coaches aus Social Media. Er zeigt Überforderung. Er zeigt Nähe zu seiner Familie. Er wirkt nicht unnahbar, sondern emotional. Gerade deshalb funktioniert diese Geschichte. Nicht als perfekte Heldenerzählung, sondern weil sie menschlich bleibt.
Auffällig waren allerdings auch die Reaktionen im Netz. Unter vielen Videos tauchten sofort Kommentare auf wie:
„Mit so vielen Pausen schafft das jeder.“ „Wenn man trinken darf, ist das keine Leistung.“ – „Alles übertrieben.“
Natürlich gehört solche Abwertung zum Internet dazu. Bei migrantischen Männern bekommt sie aber oft noch eine zusätzliche Ebene. Leistungen werden schneller relativiert. Anerkennung fällt schwerer. Als müssten migrantische Männer entweder außergewöhnlich erfolgreich sein, um akzeptiert zu werden – oder sie bleiben automatisch verdächtig. Dazwischen gibt es erstaunlich wenig Raum. Wenig Raum für Normalität. Für Zweifel. Für Schwäche. Für Menschlichkeit.
Meist wird nostalgisch über „echte Männer“ gesprochen
Vielleicht brauchen junge Männer genau solche Geschichten. Gerade rund um Vatertag wird oft über „echte Männer“ gesprochen. Meistens ziemlich nostalgisch: durchziehen, hart bleiben, nicht jammern. Aber vielleicht suchen viele junge Männer längst etwas anderes.
Nicht noch mehr aggressive Alpha-Figuren, die Härte mit Stärke verwechseln. Sondern Menschen, die zeigen, dass Stärke auch bedeuten kann, Hilfe anzunehmen. Schmerzen zuzugeben. Emotional zu sein. Nicht perfekt zu wirken. Vielleicht liegt genau darin die Bedeutung dieses Moments.
Denn Arda Saatçi ist nicht nur mehrere Hundert Kilometer gelaufen. Er hat – wahrscheinlich unbeabsichtigt – ein anderes Bild von migrantischer Männlichkeit sichtbar gemacht. Und genau darüber sollte Deutschland viel öfter sprechen.
14 May 2026
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[4] /5-Jahre-Koelner-Silvesternacht/!5734263
AUTOREN
Hussam Al Zaher
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