taz.de -- Spannung im Schwergewichtsboxen: Man muss auch nehmen können

Boxen wird dann attraktiver, wenn man partout nicht weiß, wer wohl gewinnen wird. Am Wochenende haben Fabio Wardley und Daniel Dubois das bewiesen.

Bild: Wirkungstreffer: Daniel Dubois (re.) vermöbelt seinen britischen Landsmann Fabio Wardley

Ringschlacht ist kein schönes Wort, ich gebe es zu. Der Begriff lässt sich aus zwei Richtungen kritisieren: Zum einen, weil hier Brutalität gehuldigt wird. Die Kritik ist okay, aber nicht meine. Zum anderen ist das Wort aber etwas sehr fantasielos, die besondere Dramatik verflacht.

Der Guardian schlägt [1][„bloody epic“] vor, das Fachmagazin The Ring schreibt vom [2][„brutal slugfest“]. Beide schreiben über das vergangene Wochenende. Fabio Wardley und [3][Daniel Dubois], zwei englische Schwergewichtler, trafen in Manchester aufeinander, um den WBO-WM-Titel auszukämpfen. Dubois kassierte in der ersten und der zweiten Runde jeweils harte Niederschläge, und das ist üblicherweise nicht gerade der Auftakt für einen erfolgreichen Titelkampf. Aber er wurde es. Dubois, der so angeknockt aussah, gewann noch.

Man muss auch nehmen können. In diesem Spruch dürfte sich die Botschaft formulieren lassen, die von diesem Kampf ausgeht. Die Begeisterung in der Boxöffentlichkeit für diese, schreib’ ich’s halt nochmal, Ringschlacht ist sehr groß. Da lässt sich vermuten, dass von den zwei Kämpfern eine Sehnsucht befriedigt wurde. Ein bisschen wie [4][Andy Bowen und Jack Burke], die 1893 den längsten dokumentierten Kampf der Boxgeschichte austrugen: 110 Runden ging es, 7 Stunden dauerte es, beide waren nicht nur von der Ausdauerbelastung, sondern auch von den Schlagwirkungen gezeichnet. In der 111. Runde brach der Ringrichter ab.

Beim Wardley-Dubois-Fight saß der deutsche Schwergewichtler [5][Agit Kabayel] am Ring, der, wenn alles mit rechten Dingen zugeht (was im Boxen bekanntlich nicht der Normalfall ist), im Herbst gegen Oleksandr Usyk kämpfen soll – trotz Dubois’ WBO-WM-Titel der anerkannt beste Schwergewichtsboxer der Gegenwart. Kabayel gilt, ähnlich wie Dubois, als harter Puncher, der 19 seiner 27 Kämpfe durch K. o. beendete. Am beeindruckendsten war sein Sieg über [6][Zhilei Zhang] 2025, seit dem er zur Weltspitze zählt.

Die Frage, die durch den Wardley-Dubois-Kampf aufgeworfen wurde, dürfte lauten, ob in den offenen, von ähnlich starken Gegnern bestrittenen Kämpfen die Zukunft des Schwergewichtsboxens liegt. Die Alternative dazu hat man zu oft schon gesehen: ungleiche Chancen, schnelle Siege, glatte Kampfrekorde.

Dass auf solche Kämpfe gesetzt wird, hat im Wesentlichen zwei Gründe: Manager, die oft in Personalunion Promoter sind, wollen ihre besten Boxer schützen. Und Fernsehsender wollen langfristig möglichst viele Titelkämpfe präsentieren, für die sie mit genau den Promotern zusammenarbeiten, die ihnen namhafte Boxer mit sauberem Kampfrekord bringen.

Das Joe-Louis-Paradoxon

Was Wardley-Dubois nun bewiesen haben, ist, dass Kämpfe attraktiver sind, wenn sie gerade nicht berechenbar sind. Es ist fast so, als wenn im Fußball Real Madrid und Bayern München 5:4 gegeneinander spielten. Die dort erzielte Aufmerksamkeit wird im Nachgang in der Währung ausgezahlt, die im Profisport zählt: Einschaltquoten und Werbeeinnahmen. Das Gegenteil ist übrigens in der Volkswirtschaft auch bekannt: Das [7][Joe-Louis-Paradoxon] beschreibt, warum das Erreichen einer monopolartigen Stellung im Sport schädlich für die Einnahmen ist.

Bowen-Burke, um nochmal auf das Jahr 1893 zurückzukommen, sorgten dafür, dass Boxkämpfe begrenzt wurden: Mehr als 15 Runden sollte keiner dauern, mittlerweile sind es 12 Runden. Ein zivilisierender Eingriff in den Boxsport war das, aber – wie mittlerweile oft genug bewiesen wurde – keiner, der große Kämpfe verhindert hätte. Sie sind halt nur so selten, dass einem immer noch nur das Wort Ringschlacht einfällt.

11 May 2026

[1] https://www.theguardian.com/sport/2026/may/10/daniel-dubois-stops-fabio-wardley-wbo-heavyweight-title-boxing

[2] https://www.ringmagazine.com/news/dubois-stops-wardley-in-11th-round-of-brutal-slugfest-to-win-wbo-belt-1ag2qDrchkI6inRWSMNpTT

[3] https://taz.de/Auf-den-Brettern/!6035385/

[4] https://www.youtube.com/shorts/_Jk0qUeO_EM

[5] /Boxer-Agit-Kabayel/!6140183

[6] https://taz.de/!6068413/

[7] /FC-Bayern-vor-dem-Titelgewinn/!5846755

AUTOREN

Martin Krauss

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