taz.de -- Wehrpflicht, Steuern und Jens Spahn: Die Epoche der „Spahnotage“
Spahn wählen, um den Kanzler zu stützen. „Null“ Bock auf die Bundeswehr und ein herzliches „Döpndödöp“ an Udo Lindenberg.
Bild: Spahn wählen, um den Kanzler zu stützen
taz: Herr Küppersbusch, was war schlecht in dieser Woche?
Friedrich Küppersbusch: Putin will Gerd Schröder als Verhandler für Ukraine-Frieden.
taz: Und was wird besser in der nächsten?
Küppersbusch: Sahra Wagenknecht total eifersüchtig.
taz: 17,8 Milliarden Euro weniger Steuern wird Deutschland 2026 einnehmen. Können wir uns den Finanzminister noch leisten?
Küppersbusch: Auch nach dieser Schätzung werden Bund, Länder und Gemeinden die Billion Euro an Steuern einnehmen, die vorher errechnet worden war. Korrigiert werden nur optimistischere Annahmen, die auf fantasievollen Konjunkturhoffnungen ruhten. Und durch den Irankrieg zerstört sind. Deshalb rate ich zur Fortsetzung des Finanzministers – eher als des Krieges.
taz: [1][Jens Spahn wurde als Fraktionschef] bestätigtundbegrüßt die nächste Diätenerhöhung für Bundestagsabgeordnete. Was kann der Mann besser als der Kanzler?
Küppersbusch: Für diese Epoche seines Schaffens darf man sich mit Fug den Begriff „Spahnotage“ zurechtlegen: Jene unnachahmliche Doppeldeutigkeit aus jenstypischem Versagen und gezielter Obstruktion. Ein Fraktionschef, der zwei Kanzlerwahlen braucht, eine Richterwahl vergeigt, zwei unnötige Debatten bei Rente und Wehrpflicht ausufern lässt, hätte fertig. Oder jedenfalls nicht 86,5 % Zustimmung. Spahn kam zugute, dass ihm geneigte Rechtsmedien rechtzeitig eine untergangsnahe Regierungskrise herbeigeiferten. So, dass auch Merzisten im dunklen Tunnel landeten: Spahn wählen, um den Kanzler zu stützen. Spahn rangiert derzeit als unbeliebtester Politiker der Union, seine einzige Chance wäre Kanzlerwechsel in der Legislatur. Muss doch toll sein für Söder, nicht mehr die rechteste Socke neben Merz zu sein und sogar vergleichsweise populär.
taz: Der Rücklauf der Fragebögen [2][für junge Männer zur Wehrpflicht] ist für die Bundesregierung eher unbefriedigend. Doch besser junge Frauen fragen?
Küppersbusch: „Null = gleich kein Interesse, Fragebogen wäre dann an der Stelle beendet und müsste nur noch abgeschickt werden.“ Heißt es in dem Papier. Vorher allerdings fragt der Bund 19 Seiten lang Berufsausbildung, Körpergröße und Führerscheinklasse ab. Da war vermutlich ein Top-Team an Recruitment-Psychologen dran, um möglichst vielen unterwegs den freiwilligen Dienst schmackhaft zu machen. Mit einer „Null“ auf Seite 19 ist man dann trotzdem einfach raus. Über die Hälfte der Teilnehmenden soll hier Interesse am Wehrdienst angekreuzt haben, was natürlich eine positivere Schlagzeile wäre als „28 % der deutschen Jungs zu doof für Seite 19“.
taz: Für Keir Starmer gingen die Wahlen in GB erwartungsgemäß mies, für die Rechtsextremen erfreulich aus. Wieso haben sich die Briten von der EU getrennt, wenn sie sich im Wahlverhalten kaum vom Festland unterscheiden?
Küppersbusch: In Wales und Schottland siegten linke wie rechte Nationalisten, und Irland muss man nach Unabhängigkeit vom UK nicht groß fragen. Wobei Irland EU-Mitglied blieb und die Schottische SNP mit der EU liebäugelt, allein schon, um London zu nerven. Vielleicht schafft Großbritannien es noch, dass Einzelpersonen der EU beitreten können. Ich schlage King Charles vor.
taz: Ebenfalls entschieden wird nächste Woche, ob es okay ist, dass die Milka-Schokoladentafel nur noch 90 statt bisher 100 Gramm wiegen. „Verbraucherschützer“ hatten geklagt. Was sagt der Disput über 10 Gramm über uns aus?
Küppersbusch: Milka ist bekannt für seine über 30 teils saisonalen Kreationen, und seit Jahresanfang gibt es auch die „Milka Betrug“, 10 Gramm weniger für 50 Cent mehr, eine Preiserhöhung um 50 %. Weil das echt doof klingt, heißt es „Füllmengenreduzierung“ und sagt über uns aus, dass man uns für leicht zu verarschen hält.
taz: Auch schon wieder da: der ESC. Es hat sich großer Protest gegen die Teilnehmer*innen Israels angekündigt. Aufreger oder schlicht politische Folklore?
Küppersbusch: Aus dem ursprünglichen Komponistenwettbewerb von 1956 entwucherte inzwischen ein Haltungs-Riesenslalom, bei dem die Musik immer einfältiger, die politischen Hürden immer vielfältiger wurden. Ukraine-Krieg, damit Russland und Belarus; kann man in der Autokratie Aserbaidjan feiern; ist das Lied toll oder das Interpret nur besonders LGBTQI+-kompatibel, wie hältst Du es mit oder gegen Israel. Und hat da wer einen Fingernagel in Palästina-Farben lackiert? Vielleicht wäre daneben im Markt längst genug Nische für einen spannenden Musik-Wettbewerb, doch das Verrenkungs-Spektakel ESC sollte auf jeden Fall weitergehen.
taz: Udo Lindenberg wird kommenden Sonntag 80. Was schreiben Sie auf Ihre Glückwunschkarte an ihn?
Küppersbusch: Döpndödöp.
taz: Und was macht der RWE?
Küppersbusch: 1 – 0 gegen SC Verl, bei denen – wen wundert es hier – bester Mann einmal mehr Berkan Taz war. Durch den Sieg wahrt RWE eine Chance auf den Relegationsplatz, wenn sie in Ulm gewinnen und Duisburg gegen Victoria Köln nicht und…es ist kompliziert. Aber schön.
Friedrich Küppersbusch ist Journalist, Produzent und Typ Nussschokolade.
Die Fragen stellte: Doris Akrap
10 May 2026
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AUTOREN
Friedrich Küppersbusch
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Wehrpflicht
Jens Spahn
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