taz.de -- Nach den Wahlen in Großbritannien: Keir Starmer igelt sich ein

Der britische Labour-Premierminister will nach seiner verheerenden Wahlniederlage weitermachen, als sei nichts geschehen. Das kann nur schiefgehen.

Bild: Der britische Premier und Labour-Chef Keir Starmer will an der Macht bleiben – obwohl die Wähler offenbar etwas anderes wollen

Wahlniederlagen sind heilsam. Sie sorgen dafür, dass verbrauchte Machthaber ihre Posten räumen müssen. Sie zwingen die Mächtigen auch dazu, über ihre Fehler nachzudenken.

Nur für Keir Starmer gilt das offenbar nicht. Unter seiner Führung hat Großbritanniens regierende Labour-Partei soeben [1][eine der größten Wahlniederlagen ihrer Geschichte eingefahren]. Man könnte meinen, dass der Parteichef daraus die in einer Demokratie üblichen Konsequenzen zieht. Stattdessen igelt er sich ein.

Er wolle weiterregieren, weil es Veränderung geben müsse, schreibt Starmer in einem [2][Gastbeitrag für den Guardian] – als ob er nicht schon längst regiert, und als ob nicht gerade Millionen Leute gegen Labour gestimmt haben, weil sie Veränderung wollen. Die unzufriedenen Labour-Wähler wenden sich Reform UK und den Grünen zu, zwei unverbrauchten Oppositionskräften, die eindeutig auf ihre jeweils eigene Weise für Veränderung stehen.

Und schließlich verkündet Keir Starmer [3][in einer Sonntagszeitung], er wolle zehn Jahre regieren. Sowohl Margaret Thatcher als auch Tony Blair läuteten mit solchen Äußerungen ihr politisches Aus ein. „Ich mache weiter und weiter“, sagte Thatcher nach ihrem dritten Wahlsieg 1987 – und trieb damit auch ihre engsten Getreuen in die Verzweiflung; drei Jahre später war sie weg vom Fenster.

Tony Blair machte nach seinem dritten Wahlsieg 2005 klar, er brauche mindestens noch einen vierten – zwei Jahre später musste er sein Amt widerwillig zugunsten von Gordon Brown räumen. Beide lernten schmerzhaft etwas, was Keir Starmer offenbar niemand gesagt hat: Jeder Regierungschef ist in seiner Regierung mit potenziellen Rivalen und Nachfolgern umgeben. Man muss sie bei Laune halten. Erklärt man sich selbst für unersetzlich, werden daraus Feinde.

Labour hat in vielen Bereichen vernünftige Antworten auf Großbritanniens Probleme. Aber es braucht dafür eine vernünftige Regierung. Starmers dilettantischer Umgang mit dem Mandelson-Skandal ließ schon die Zweifel an seiner Vernunft wachsen. Sein Umgang mit seinen Wahlniederlagen macht aus diesen Zweifeln Gewissheit.

10 May 2026

[1] /Kommunalwahlen-in-Grossbritannien/!6177502

[2] https://www.theguardian.com/commentisfree/2026/may/08/election-results-left-right-uk-keir-starmer

[3] https://observer.co.uk/news/politics/article/keir-starmer-i-want-10-years-in-no-10-and-will-fight-my-challengers

AUTOREN

Dominic Johnson

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