taz.de -- Neurowissenschaft: Kreativität kann dabei helfen, besser mit Schmerz umzugehen
Malen, Musizieren und Schreiben aktivieren jene Areale im Gehirn, die auch Schmerz verarbeiten. Das könnte Menschen mit chronischen Leiden helfen.
Bild: Steckt da Kreativität gegen Schmerz in dem Kopf?
Sie kennen ihn vermutlich: den Mythos vom „[3][leidenden Künstler]“. Die Vorstellung, dass große Kunst aus Schmerz und Leid entsteht, ist tief in unserer Kultur verankert. Man denke nur an Vincent van Gogh, der sich nach einem Streit sein linkes Ohr abschnitt.
Doch muss man tatsächlich leiden, um kreativ zu sein? Ein Forschungsteam kam zu einem überraschenden Ergebnis: Möglicherweise ist es genau umgekehrt. Kreative Prozesse könnten dabei helfen, besser mit Schmerz umzugehen.
Die Studie
Kreative Prozesse und Schmerzverarbeitung beruhen auf ähnlichen neuronalen Mechanismen – zu diesem Schluss kommt ein Autorenteam unter der Leitung von Radwa Khalil von der Constructor University Bremen. [4][Die Studie] erschien im Jahr 2026 im Fachjournal Neuroscience and Biobehavioral Reviews.
Um die These zu verstehen, lohnt ein Blick darauf, wie Schmerz überhaupt entsteht. Schmerz ist kein reines Gefühl, sondern eine Wahrnehmung mit zwei Anteilen: einer sensorischen Komponente, die Art, Ort und Intensität erfasst, und einer emotionalen Komponente, die bestimmt, wie unangenehm der Schmerz erlebt wird.
Die Schmerzsignale werden vom Körper über das Rückenmark zum Gehirn weitergeleitet, wo das bewusste Schmerzempfinden entsteht. Gerade weil die emotionale Bewertung so entscheidend ist, lässt sich Schmerz auch über Sinnesreize beeinflussen: angenehme visuelle oder musikalische Eindrücke, etwa Bilder einer geliebten Person, können die wahrgenommene Schmerzintensität nachweislich verringern.
An genau diesem Punkt setzen kreative Tätigkeiten an. Malen, Schreiben, Musik oder Tanz wirken auf zwei Wegen schmerzlindernd: Zum einen lenken sie die Aufmerksamkeit vom Schmerz weg, zum anderen aktivieren sie die Belohnungssysteme des Gehirns und setzen Dopamin und Noradrenalin frei.
Entscheidend ist dabei, dass die beteiligten Hirnregionen weitgehend dieselben sind, die auch an der Schmerzverarbeitung mitwirken – sie steuern Sinnesverarbeitung, Emotionen und Denken. Diese Überschneidung wird besonders bei chronischen Schmerzen bedeutsam, da diese die genannten Netzwerke nachhaltig verändern. Weil [5][kreative Arbeit] dieselben Areale anspricht, könnte sie helfen, die gestörten Aktivitätsmuster auszugleichen.
Was bringt’s?
Einen neuen Zugang zur Schmerzbehandlung. Kreative Tätigkeiten könnten künftig als ergänzende Therapie in der Schmerzmedizin an Bedeutung gewinnen – möglicherweise auch über chronische Schmerzen hinaus, etwa bei [6][ADHS] oder Autismus. Die Kunsttherapie zum Beispiel ist schon heute in einigen Bereichen etabliert und in medizinischen Leitlinien teilweise verankert. Dort wird sie häufig zusammen mit Musik-, Tanz- oder Theatertherapie genannt.
15 May 2026
LINKS
[3] /Gespraech-mit-Billy-Childish/!5923315
[4] https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/41864252/
[5] /Arbeiten-im-Kulturbereich/!6147758
[6] /ADHS-im-Alltag/!6175821
AUTOREN
Sofia Zharinova
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