taz.de -- Neuer „Tatort“ aus Zürich: Wenn Reichtum bedeutet, sich alles erlauben zu können

„Könige der Nacht“ ist ein Krimi, der ambitioniert versucht, die Krisen der Zeit zusammenzuführen. Aber ist er auch ein gelungener Thriller?

Bild: Nambitha Ben-Mazwi, l., André Nkot Olinga, M. und Anna Pieri Zuercher, r. als Kommissarin Isabelle Grandjean in „Könige der Nacht“

Ein ermordeter Sexarbeiter; eine [1][illegale Migrantin], die als Zeugin nicht zur Polizei gehen kann; und ein Fall, der weniger von der Frage nach dem Täter als von der geprägt ist, [2][wer die Mittel hat, über andere zu verfügen.] Darum geht es im neuen Zürcher „Tatort“, „Könige der Nacht“.

In der Nacht des Geschehens übernimmt Moya Alemu (Nambitha Ben-Mazwi) die Schicht ihrer Freundin Sanaa (Nancy Mensah-Offei) als Pizzalieferantin. Selbst arbeiten darf sie in der Schweiz nicht; sie hat keine Aufenthaltsgenehmigung und lebt mit ihrem Sohn Yaro versteckt.

So steht sie plötzlich in einem luxuriösen Penthouse, in dem sie Pizza an den zu diesem Zeitpunkt noch quicklebendigen Ruben liefert. Später wird sie Zeugin, wie zwei Vermummte eine Leiche abtransportieren – und entkommt nur knapp. Zur Polizei kann sie nicht, schließlich ist ihre Existenz selbst kriminalisiert. Als ihre Freundin Sanaa später in der gleichen Dienstuniform überfahren wird, wird klar, dass Moya selbst in Gefahr ist.

Das Mordopfer Ruben [3][ist Sexarbeiter] und stammt aus Moldawien, wohin er weiterhin Geld an seine Familie schickt. In der Schweiz lebt er isoliert. Gleichzeitig ist er als Sugarbaby in eine Beziehung mit dem Richter Dr. Urs Jacobi verstrickt, der sich trotz Ehe in ihn verliebt hat und versucht, ihn exklusiv an sich zu binden: diskret und gegen Bezahlung.

Wie sicher ist das Schutzversprechen?

Die Ermittlungen richten sich zunächst gegen zwei vorbestrafte Männer, von denen einer einst von Jacobi verurteilt wurde. Einer der beiden Verdächtigen schreit den Richter auf der Wache an und wirft ihm vor, Reichtum bedeute, sich alles erlauben zu können. Ein mögliches Rachemotiv steht im Raum, wirkt jedoch nie ganz stimmig. Während die Kommissarinnen Tessa Ott (Carol Schuler) und Isabelle Grandjean (Anna Pieri Zuercher) versuchen, den Fall zu entwirren, wird Moya zur Hauptzeugin. Für ihre Aussage wird ihr Schutz versprochen, ein Versprechen, dessen Einlösbarkeit fraglich bleibt.

Der „Tatort“ entfaltet seine Stärke dort, wo er neben dem Mordfall auch Moyas prekäre Situation in den Mittelpunkt rückt und daraus Spannung erzeugt. Zwischen Figuren wie Moya, die aufgrund ihres Status [4][permanent in Unsicherheit] lebt, und wohlhabenden Akteuren, die sich Schutz, Diskretion und sogar Zuneigung kaufen können, wird ein deutliches Machtgefälle sichtbar.

Besonders eindrücklich ist dabei Moyas Situation: Ihre Angst entspringt nicht nur der unmittelbaren Bedrohung durch die Täter, sondern auch einer Akkumulation von Trauma, der ständigen Gefahr der Abschiebung und dem Gefühl, auf sich allein gestellt zu sein. Institutionelle Unterstützung bleibt aus, mehr noch: Sie wird selbst zur Bedrohung.

Auch die Inszenierung ist unkonventionell. Regisseur Claudio Fäh bringt Thriller- und Horrorelemente ein, die für zusätzliche Spannung sorgen, jedoch nicht immer organisch wirken. Manche Effekte und auch spätere Figurenzeichnungen erscheinen überzogen und leicht deplatziert.

„Könige der Nacht“ ist ein ambitionierter „Tatort“, der versucht, systemische Themen zusammenzuführen: Macht, Ausbeutung, Migration und Klassenunterschiede. Am überzeugendsten ist er dort, wo er leise bleibt und strukturelle Ungleichheiten sichtbar macht. Schwächer wird er, wenn er daraus einen stilisierten Thriller formen will. Trotzdem bleibt er ein spannender Film, der neben dem schwierigen Fall vor allem durch Moyas Schicksal und die dadurch veranschaulichte strukturelle Ebene besticht.

3 May 2026

[1] /Rechte-Gewalt-gegen-Gefluechtete/!6066516

[2] /Macht-von-Eliten/!6126510

[3] /Ruby-Rebelde-ueber-Prostitution/!6121281

[4] /Forscher-ueber-Einwanderungspolitik/!6068188

AUTOREN

Viktoria Isfort

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