taz.de -- Sparzwang im Gesundheitswesen: Die neoliberale Lüge

Die Berliner Charité hat ein paar Jahre lang gezeigt, wie gerechte Bezahlung in der Pflege geht. Doch damit ist nun Schluss. Ein fatales Signal.

Bild: Kommt alles wieder? Ein Bild vom Tag des Pflegeprotestes im Mai 2020 vor dem Bundesministerium für Gesundheit in Berlin

Wenn die Zeiten hart sind, müssen alle den Gürtel enger schnallen. Aktuell beschwört die Bundesregierung diese neoliberale Zauberformel, um das Gesundheitswesen zu retten. Wenig verwunderlich ist es da, dass im 15 Milliarden schweren [1][Sparpaket, das die Finanzierungslücke der gesetzlichen Krankenkassen stopfen soll], auch den Lohnsteigerungen in der Pflege in Zukunft ein Riegel vorgeschoben werden soll.

Welche Folgen diese Politik hat, zeigt sich jetzt schon an der Berliner Universitätsklinik Charité. Ende April [2][kündigte die Klinikleitung den erst 2021 erkämpften Entlastungstarifvertrag in der Pflege auf]. Der Vertrag soll die Folgen des in der Pflege weitverbreiteten Personalmangels abmildern. Arbeitet eine Pflegerin auf einer unterbesetzten Station, erhält sie Punkte, die sie entweder in Geld oder Freizeit eintauschen kann.

In den vergangenen Jahren führte der Vertrag dazu, dass sich die Arbeitsbedingungen an der Charité deutlich verbesserten. Trotz weiterhin herrschenden Fachkräftemangels schaffte es die Universitätsklinik, massiv Personal aufzubauen. Überlastungssituationen, die früher die Regel waren, sind heute nur noch Ausnahmefälle, berichten Pfleger:innen.

Der Entlastungstarifvertrag entwickelte sich zum bundesweiten Erfolgsmodell, den die Klinikleitung selbst weiterempfahl. In NRW konnte die Gewerkschaft Verdi 2022 sogar [3][einen Flächenentlastungstarifvertrag für alle Universitätskliniken erstreiten].

Der Pflegenotstand nahm in vielen Kliniken ab

Zwischenzeitlich sah es fast so aus, als könnten die Beschäftigten ein gerechteres Gesundheitssystem einfach erstreiken. Patientengerechte Versorgung, faire Löhne und gute Arbeitsbedingungen schienen sich nicht mehr auszuschließen, sondern in greifbarer Nähe zu sein. Die Krankenpflege wandelte sich zu einem attraktiven Berufsfeld, der Pflegenotstand nahm in vielen Kliniken spürbar ab.

Doch positive Entwicklungen wie diese sind im spätkapitalistischen Deutschland zu schön, um wahr bleiben zu dürfen. Krankenkassen und neoliberalen Gesundheitsökonomen sind die steigenden Lohnkosten seit Jahren ein Dorn im Auge.

Vor diesem Hintergrund scheint es nur konsequent, dass das Sparpaket der Bundesregierung das Verhandeln von Entlastungstarifverträgen deutlich erschweren wird. Denn unter anderem sollen zukünftige Lohnsteigerungen gedeckelt und der Personalaufwuchs in den Krankenhäusern begrenzt werden.

Auch soll das Pflegebudget – ein bedarfsorientierter Festbetrag, aus dem die Gehälter der Krankenpfleger:innen finanziert werden – eingeschränkt werden. Unterm Strich sollen die ohnehin schon kriselnden Krankenhäuser weniger Geld bekommen. Den Druck geben die Krankenhäuser wiederum an die Beschäftigten weiter. Erstreiken sie höhere Löhne, müssen die Kliniken an anderer Stelle sparen: an den Patient:innen, oder an der Zahl der Beschäftigten, was wiederum die Arbeitsbelastung erhöht. Die Funktionsweise der Entlastungstarifverträge wäre damit zerstört.

Die gut organisierte Belegschaft in der Pflege auszubremsen und die Löhne zu senken, ist dabei kein unbeabsichtigter Nebeneffekt des Sparpakets, sondern volle Absicht. Das wird klar, wenn man auf die Bereiche schaut, die für das Sparpaket nur unterproportional zur Kasse gebeten werden: die Pharmaindustrie und den Bundeshaushalt, den man lieber auf dem Rücken der Beschäftigten und Beitragszahler saniert, als Reichtum vernünftig zu besteuern.

Dass wir uns gute Löhne in der Pflege nicht leisten können, ist eine neoliberale Lüge. Wir sollten nicht darauf hereinfallen.

9 May 2026

[1] /Gesundheitsreform/!6171983

[2] /Einsparungen-bei-den-Krankenkassen/!6176128

[3] /Arbeitsbedingungen-in-der-Pflege/!5869272

AUTOREN

Jonas Wahmkow

TAGS

Schwerpunkt Stadtland

wochentaz

Pflege

Sparpaket

Charité

Krankenhäuser

Gesundheitswesen

GNS

Reden wir darüber

ARTIKEL ZUM THEMA

Warnstreik an der Charité: Pflegekräfte hoffen auf Linksbündnis

Die Verhandlungen um den Entlastungstarifvertrag an der Charité sind festgefahren. Verdi kündigt ein Ultimatum an und wirbt um politische Unterstützung

Entlastungstarifvertrag vor dem Aus: Charité schränkt Streikrecht vor Gericht ein

Das Arbeitsgericht bremst den mehrtägigen Warnstreik aus. Die geforderte Notdienstbesetzung mache einen Streik unmöglich, kritisiert Verdi.

Tarifverhandlungen an der Charité: Darf’s wieder mehr Belastung sein?

Die erste Verhandlungsrunde zum Entlastungstarifvertrag an der Charité ist gescheitert. Pflegekräfte und Gewerkschaft planen, wie es jetzt weitergeht.

Klamme Kassen bei den Krankenkassen: Sparpaket mit Nebenwirkungen

Damit die Krankenkassenbeiträge nicht weiter steigen, hat die Regierung ein Sparpaket beschlossen. Vor der ersten Lesung im Bundestag sorgt es für heftige Debatten.

Einsparungen bei den Krankenkassen: Pflege unter Druck

Der Entlastungstarifvertrag an der Charité ist ein Erfolgsmodell – das die Universitätsklinik jetzt beenden will. Grund sind Sparmaßnahmen des Bundes.

Tarifverhandlungen bei Vivantes-Töchtern: Klinikkonzern droht unbefristeter Streik

Beschäftigte stellen sich auf einen langen Ausstand ein. Doch die Wirksamkeit sei durch Gerichtsbeschlüsse eingeschränkt, kritisiert Gewerkschaft Verdi.

Arbeitskämpfe im Gesundheitswesen: Ausgebremst vom Kürzungsstift

Viele Krankenhäuser kämpfen in Berlin um ihr Überleben. Das gefährdet zunehmend den Kampf der Beschäftigten um gute Arbeitsbedingungen.

Proxied content from gemini://taz.de/%216173748 (external content)

Gemini request details:

Original URL
gemini://taz.de/%216173748
Status code
Success
Meta
text/gemini;lang=de
Proxied by
kineto

Be advised that no attempt was made to verify the remote SSL certificate.