taz.de -- Mobilitätswende stockt: Die Raufaserrepublik auf der Straße
Die Wohnung renovieren und Verkehrspolitik haben mehr gemeinsam, als man denkt, findet unsere Autorin. So ließe sich auch die Mobilitätswende angehen.
Bild: Wenn man zu oft eine Tapete übermalt, löst sie sich und gibt den Blick auf die Löcher frei
Gestern bin ich aus dem Digital Detox aufgetaucht. Die Fastenkur war eine Beigabe, eigentlich wollten wir nur über Ostern zu Hause verreisen und unsere Wohnung renovieren. Erst hatten wir ja überlegt, einfach über die schäbigsten Stellen der runtergekommenen Tapeten zu streichen. Aber schön waren die beuligen Raufasern schon beim Einzug vor Jahren nicht. Also sollten sie runter.
Jetzt ist klar, dass ich mehr Ahnung von Mobilität habe als von Immobilien, aber beides nach denselben Regeln spielt. Schon Tag eins führte uns in einer archäologischen Grabung: Hinter den abgeschabten Tapeten ähnelten die Wände einem Buckelpisten-Golfplatz. Nachdem unser neu befestigter Garderobenschrank abstürzte und dabei einen Klumpen Putz mit sich riss, wussten wir auch, warum. Und die angeblich „mit einem Anstrich deckende“ Farbe zauberte Konzeptkunst auf unsere Baustelle.
Wir schliefen bei verreisten Freunden und mussten bei ihrer Rückkehr unsere Wohnung in einen Zustand gebracht haben, der an Bewohnbarkeit erinnert. Vor lauter Geradele zum Baumarkt und Geschleppe blieb keine Zeit für Nachrichten.
Inzwischen sind Küche und Bad wunderschön und der Rest zumindest absehbar. Und ich taste mich langsam zurück ins Nachrichtengeschehen. Vorfreudig begann ich mit den Reaktionen auf die „Energiekrise“: Bestimmt war als logische Konsequenz endlich Tempo 30 innerorts und eine Geschwindigkeitsbegrenzung für Autobahnen eingeführt worden. Außerdem waren die Preise für ÖPNV und Bahn gesenkt worden, und es gab eine Kaufprämie für Fahrräder. Die „Krise“ hatte der Politik wieder Schwung zum Handeln gegeben! Ab jetzt könnte gleichzeitig Benzin gespart werden, die privaten Haushalte würden entlastet und die heimische Wirtschaft angekurbelt werden, Umwelt und Gesundheit würden profitieren. Super!
Probleme nicht nur überstreichen, sondern angehen
Nun ja. Stattdessen las ich: Steuersenkungen auf Sprit. Und übersetzte sofort in Renovierungsslang: Die Bundesregierung hat beschlossen, die Hubbel werfende Raufasertapete vom Vorvormieter noch mal zu überpinseln. In zwei Monaten wird sie dann von der Wand fallen und freie Sicht auf die Löcher dahinter geben.
Schade eigentlich. Jetzt wäre so ein Moment gewesen, endlich den Verkehr zu renovieren. Die Raufasertapete des zu teuren, ökodesaströsen Autoverkehrs runterzuschaben und den darunter liegende Bahn- und ÖPNV-Verkehr frisch zu verspachteln. An dieser stabilen Wand würden dann auch sichere Fuß- und Radwege halten.
Ja, das wäre erst mal anstrengend. Aber die Bahn ist nun mal das Fundament, und Fahrräder lösen den Rest. Ich habe mich gerade auf der Velo in Berlin durchgetestet: flotte Dreiräder für Unsichere, Lastenräder, ultragefederte Trekkingbikes mit Tiefeinstieg und so schöne Gravelbikes, dass ich mir beim Probefahren die Mundwinkel am Ohr stieß. Natürlich alles auch mit Motor erhältlich. Die große Mehrheit könnte also Rad fahren. Und das auf Wunsch auch schweißfrei, mit Kind, Hund oder Renovierungsmaterialien. Es wäre möglich. Nicht mehr möglich ist nur, immer größere, immer stärker subventionierte Autos als Lösung zu präsentieren.
23 Apr 2026
AUTOREN
Kerstin Finkelstein
Wir retten die Welt
Klimaschutz
Mobilitätswende
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