taz.de -- Israelische Armee zerstört Jesus-Statue: Wenn ein Stück Holz mehr wert ist als ein Mensch
Der Vandalismus eines israelischen Soldaten im Südlibanon sorgt für so große Empörung, dass Netanjahu Konsequenzen verspricht. Das ist ein Symptom.
Bild: Zurück im Südlibanon: Eine Vertriebene begutachtet am 18. April ihr bei israelischen Luftangriffen zerstörtes Haus bei Tyros
Die Welle der Empörung ist so groß, dass sich Israels Premier Benjamin Netanjahu persönlich bemüht sah, die Wogen zu glätten. Er zeigte sich auf X „fassungslos und traurig“ über den Vorfall und kündigte „harte Maßnahmen“ gegen jenen israelischen Soldaten an, der im Süden des Libanon ein Kruzifix niedergerissen und mit einem großen Hammer den Kopf einer Jesus-Figur zertrümmert hat. Ein Foto dieser Szene ging weltweit viral und sorgte in vielen christlich geprägten Ländern, von Polen bis zu den USA, [2][für Entsetzen].
Das ist bemerkenswert: Die israelische Armee hat, seit sie ihre jüngste Offensive begann, [3][mehr als eine Million Menschen aus dem Südlibanon vertrieben] und die Region vom Rest des Landes abgeschnitten. Sie hat die Hauptstadt Beirut bombardiert und mehr als 2.200 Menschen getötet, darunter Kinder, Sanitäter und Journalisten. Im Süden des Libanon wurde im März Pierre al-Raï, der wichtigste Priester der Region, von einer israelischen Granate getötet. Doch all das hat keinen vergleichbaren Sturm der Empörung hervorgerufen wie dieser eine Fall von Vandalismus.
Dabei ist er nicht überraschend: In Jerusalem werden christliche Mönche und Pilger inzwischen regelmäßig von jüdischen Extremisten angespuckt, die Übergriffe auf Kirchen in Israel haben zugenommen. Das ist zwar kein Vergleich zu dem, was Muslime erdulden müssen: Im Gazastreifen wurden über 100 Moscheen zerstört, extremistische Siedler greifen im Westjordanland immer wieder Moscheen an, die Besucher der Al-Aqsa-Moschee in Jerusalem werden schikaniert. Aber es fügt sich in einen Trend religiöser Intoleranz in Israel, der sich gegen alle Andersdenkenden und Andersgläubigen richtet. Die Kruzifix-Schändung ist nur ein Symptom für diese Entwicklung.
[4][Netanjahus Entschuldigung] ist aber auch symptomatisch. Der Premier versucht damit, die wachsende Entfremdung zwischen Israel und seinen wichtigsten Verbündeten zu kitten. Denn die Sympathien für Israel sind selbst in den USA stark zurückgegangen – sogar unter konservativen Christen und Evangelikalen, die noch die treuesten Freunde sind. Der symbolische Akt eines Soldaten im Südlibanon führt den christlichen Israel-Freunden nun vor Augen, dass ihre Liebe zu Israel nicht immer auf Gegenseitigkeit beruht. Das macht den Fall für Netanjahu so alarmierend.
21 Apr 2026
LINKS
[2] https://www.srf.ch/news/international/israel-und-libanon-geschaendetes-kruzifix-im-libanon-loest-entsetzen-aus
[3] /Rueckkehr-in-den-Suedlibanon/!6172114
[4] https://www.zeit.de/politik/ausland/2026-04/jesus-statue-libanon-israel-soldat-benjamin-netanjahu
AUTOREN
Daniel Bax
Schwerpunkt Nahost-Konflikt
Libanon-Krieg
Religion
Christentum
Reden wir darüber
ARTIKEL ZUM THEMA
Israel tötet Journalistin in Libanon: Die tödlichen Angriffe auf die Presse haben Kalkül
Der Tod der Journalistin Amal Khalil war ein gezielter Mord durch Israels Militär. Es braucht internationale Konsequenzen – nicht nur in ihrem Fall.
+++ Nachrichten im Irankrieg +++: Iran beschießt drei Schiffe in der Straße von Hormus
Trotz der Verlängerung der Waffenruhe durch Trump verschärft sich die Lage in der Straße von Hormus. Keine Mehrheit in EU für Aussetzung des EU-Israel-Abkommens.
Sachsens „Jahr der jüdischen Kultur“: Zu viel Tacheles
Die Künstlerin Nirit Sommerfeld hat in Chemnitz eine Gesprächsreihe mit jüdischen Gästen organisiert. Doch die Förderung wurde zurückgezogen. Warum?
Rückkehr in den Südlibanon: „Wir sind wie Zugvögel geworden“
Hunderttausende nutzen die temporäre Waffenruhe, um in den Südlibanon zurückzukehren. Doch manche Dörfer bleiben von Israel besetzt. Und die Uhr tickt.
Waffenstillstand im Libanon: „Gelbe Linie“ heißt Todeszone
Israel verstößt gegen den Waffenstillstand. Eine militärisch besetzte Todeszone im Südlibanon steht einer nachhaltigen friedlichen Lösung im Weg.