taz.de -- Nach Orbán-Niederlage in Ungarn: Kein Versprechen auf schnelle Veränderung
Für viele Ungar:innen wird sich der Alltag nicht plötzlich leichter anfühlen. Dennoch bleibt die Erkenntnis, dass Systeme nicht für immer sind.
Bild: Ungarn nach der Wahl: Alltagsszene am Flussufer der Donau mit Blick auf das Parlamentsgebäude
Sechzehn Jahre sind eine lange Zeit. Lang genug, um ein Land umzubauen, Institutionen auszuhöhlen und die Grenzen dessen zu verschieben, was noch als Demokratie durchgeht. Doch dann kommt eine Wahl und plötzlich ist alles anders: [1][Viktor Orbán ist abgewählt].
Allein dieser Satz hat Wucht. Es zeigt, dass selbst ein System, das sich über Jahre festgesetzt hat, nicht unangreifbar ist. Machtwechsel bleiben möglich und das selbst dort, wo viele längst aufgehört hatten, daran zu glauben und darauf zu hoffen.
In Ungarn sind nach der Wahl Tausende auf die Straßen gegangen. Sie haben gefeiert, getanzt, sich in den Armen gelegen. Die Bilder haben auch [2][in Deutschland viele glücklich gemacht]. Hoffnung, die sich entlädt. Hoffnung, die lange aufgestaut war. Hoffnung darauf, dass mit Orbán vielleicht auch ein System fällt, das für viele Unterdrückung bedeutet hat.
Trotzdem wäre es zu einfach, jetzt von einem einwandfreien Neuanfang zu sprechen. Péter Magyar, [3][der neue Mann an der Spitze], ist kein progressiver Hoffnungsträger. Er steht politisch konservativ-rechts und personifiziert keinen Bruch mit allem, wofür Orbán stand, sondern eher eine Verschiebung innerhalb eines Spektrums, das für viele Minderheiten weiterhin wenig Schutz verspricht.
Handlungsspielräume existieren noch
Nach dieser Wahl gibt es keine progressiven Parteien mehr im Parlament. Auch das ist Realität. Für viele wird sich der Alltag nicht plötzlich leichter anfühlen. Hoffnung ist hier kein Versprechen auf schnelle Veränderung.
Dennoch bleibt etwas: die Erkenntnis, dass Systeme nicht für immer sind. Dass selbst dort, wo Demokratie ausgehöhlt wird, noch Handlungsspielräume existieren. Dass Wahlen – so ungleich die Bedingungen auch sind – etwas verschieben können, wenn genug Menschen es wollen und sich dafür einsetzen.
Vielleicht ist das die eigentliche Zäsur. Aus Prinzip Hoffnung zu haben bedeutet nicht, sich Illusionen hinzugeben, sondern Widersprüche auszuhalten. Zu sehen, dass Fortschritt nicht geradlinig verläuft, dass ein Machtwechsel nicht automatisch Gerechtigkeit bringt. Aber auch zu erkennen, dass Veränderung möglich ist – selbst nach 16 Jahren. Und manchmal reicht genau das, um weiterzukämpfen.
20 Apr 2026
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AUTOREN
Daniela Sepehri
Kolumne Prinzip Hoffnung
Ungarn
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