taz.de -- 1.517 Tage Krieg in der Ukraine: Menschliche Ziele im Hinterland

Zivilisten attackieren Soldaten, die auf der Straße Männer für die Armee rekrutieren. Die Politik schweigt. Im Netz gibt es Applaus, auch für Mord.

Bild: Im Visier: ukrainische Soldaten, hier an der Frontlinie in der Region Charkiw

Es ist nicht einfach eine Nachricht, es ist ein Symptom. Einem Soldaten in Lwiw wurde, während er seinen Dienst ausübte, die Kehle durchgeschnitten. Ein Teil der Gesellschaft applaudierte dem Mörder. Im dreizehnten Kriegsjahr und im fünften seit der russischen Vollinvasion ist die Uniform der ukrainischen Armee zum Ziel geworden – nicht an der Front, sondern im Hinterland.

Der Verstorbene hatte die Papiere von Zivilisten kontrolliert, um zu schauen, ob sie die Anforderungen für eine Mobilmachung erfüllen. Der Angreifer war ein 35-jähriger Zollinspektor, gut ausgebildet, mit festem Job. Er hatte seinem Bruder geholfen, sich der Mobilmachung zu entziehen. Es ist schon der zweite Mord dieser Art in Lwiw.

Auch in Odessa und in Krementschuk wurden Soldaten von Zivilisten überfallen und verletzt. Und als ich diesen Text schrieb, wurden in Winnyzja zwei Soldaten mit einem Messer attackiert, als sie Zivilisten kontrollierten.

Politiker schweigen zu den Verbrechen

Ich finde, das Schlimmste ist, dass weder der Präsident noch der Oberbefehlshaber davon sprechen und auch die meisten Politiker dazu schweigen. Politologen meinen, dass das Thema Mobilmachung in einer erschöpften Gesellschaft unbeliebt ist. Der Staat vermeidet seit Jahren einen ehrlichen Dialog über Regeln, Gerechtigkeit und Dienstzeiten. [3][Stattdessen schreiben alle über „Bussifizierung“] (Männer, die nach erzwungener Rekrutierung in Kleinbussen fortgebracht werden) und „Wehrdienstverweigerung“ (die normalisiert und nicht verurteilt wird).

In dieser Stille ist der Hass gewachsen. Nach dem Mord und den Überfällen auf Soldaten gibt es Tausende von Kommentaren in den sozialen Netzwerken, wo echte Menschen – nicht nur Bots – schreiben: „Das hat er verdient“ oder „Das reicht noch nicht“. Diese Menschen gehen zur Schule, arbeiten in Behörden, betreuen Kinder. Und freuen sich über den Tod eines Soldaten, der an der Mobilmachung beteiligt ist.

Diese Menschen leben in der Illusion über „richtige und falsche Soldaten“. Aber niemand überprüft die Kampferfahrung, bevor er mit dem Messer auf jemanden losgeht. Die Männer werden nicht „wegen irgendetwas“ ermordet, sondern „wegen ihrer Uniform“.

Und dann gibt es noch eine andere Art von Ausreden: „Niemand will in den Krieg“ oder „Öffnet die Grenzen – dann sind alle weg“. [4][Aber die, die gehen wollten, sind längst weg]. Die anderen bleiben, denn wenn man nicht gerade Soldat ist, ist das Leben in der Ukraine bequem. Und schließlich will man nicht in der Fremde bei null beginnen. Ehrlicher wäre zuzugeben, dass man nicht zur Armee will. Stattdessen erfindet man komplizierte Theorien über den „postmodernen Menschen“, der sich nicht mobilisieren lässt.

Ungleichheit bei der Mobilisierung

Wer so etwas schreibt, stimmt mit der russischen Propaganda überein. Die zielt genau auf die wunden Punkte. Oft nehmen die Menschen die Ungleichheit bei den Mobilisierungsregeln wahr: dass Menschen zum Beispiel illegal ausreisen, während andere als Lehrer arbeiten und dafür vom Wehrdienst zurückgestellt werden. Die russische Propaganda verstärkt die Berichterstattung über Fälle illegalen Handelns der Territorialen Verteidigungskräfte. Das sind zwar nicht so viele, aber wenn sie dann vorkommen, bauschen die sozialen Netzwerke das auf. Die Ukrainer sehen auch, dass die Bedürfnisse und Rechte der Soldaten missachtet werden, und die Russen erinnern regelmäßig daran.

Die Wahrheit ist einfacher und grausamer: Während die einen nach Ausreden suchen, kämpfen die anderen schon seit Jahren an der Front. Selbst diejenigen, die die übelsten Kommentare schreiben, werden jeden Tag von Menschen in Uniform beschützt. Wenn man anfängt, gegen sie zu kämpfen, müssen sich die Russen nicht mal mehr anstrengen.

Und trotz allem gibt es in der Ukraine eine andere große Gruppe, die hilft, spendet, sich engagiert und unterstützt. Genau auf diese Menschen stützt sich die Ukraine. Die Frage ist nur, welche Gruppe am Ende die Oberhand gewinnt: diejenigen, die Verantwortung übernehmen, oder diejenigen, die den Morden an Soldaten im Hinterland Beifall zollen.

Aus dem Ukrainischen Gaby Coldewey

20 Apr 2026

[3] /Mobilisierung-in-der-Ukraine/!6115075

[4] /Tagebuch-aus-der-Ukraine/!6128889

AUTOREN

Juri Konkewitsch

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