taz.de -- Longevity in 100 Jahren: Wenn alt werden kostet

Anders als heute ist 2126 die Longevity-Bewegung kein elitäres Projekt mehr. Wer in Zukunft alt werden will, muss genügsam sein.

Bild: „Alt sein ist Scheiße!“

Meine Großmutter hat immer gesagt: „Alt sein ist scheiße!“, bevor sie einen tiefen Zug von ihrer Zigarette genommen und einen Schluck Prosecco getrunken hat. Ich bin Anfang vierzig und froh, nicht mehr jung sein zu müssen. Das ganze „cool sein, [1][Tiktok-Trends] kennen, Schulversagen aushalten, Weltuntergang erwarten, während inkompetente Erwachsene mein Leben kommentieren“ wäre mir definitiv zu stressig!

Dabei zwickt und zwackt es schon mal in den Gelenken, und in meinem Freundeskreis drehen sich Gespräche immer häufiger um Krankheiten und Medikamente.

„Das wird besser“, sagt Felix, mein Freund aus der Zukunft. „Bei uns sind viele Menschen noch bis ins Greisenalter fit und gesund. Ein paar schaffen es sogar bis 150!“

„Wie soll das denn gehen?“

„Du kennst sicher die Longevity-Bewegung, die medizinische, biologische und technologische Möglichkeiten ausreizt, um möglichst lang gesund am Leben zu bleiben.“

„Ja, aber das ist doch unnatürlich und irgendwie auch total überheblich, zu versuchen, ewig zu leben.“

„Von ewigem Leben hat niemand was gesagt. Es geht darum, vermeidbare Schäden zu verhindern, wie durch Rauchen und zu wenig Bewegung; aber auch um die Bekämpfung von Krankheiten, die tödlich sein können. Du würdest einen Herzinfarkt doch auch lieber überleben, als daran zu sterben, oder?“

„Ja schon, aber [2][bei Longevity] geht es ja nicht um mich, sondern um irgendwelche superreichen alten Typen, die ihre Privilegien nutzen, um sich über uns Normalsterbliche hinwegzusetzen. Bisher konnte ich wenigstens sicher sein, dass auch das größte Arschloch in absehbarer Zeit sterben muss so wie ich!“

„Und genau deshalb lassen wir Longevity nur zu, wenn die Ergebnisse wie neue Medikamente oder medizinische Verfahren kostenlos der Allgemeinheit zur Verfügung gestellt werden. Außerdem sorgen wir dafür, dass die Superreichen viel weniger Einfluss haben als die Milliardäre heutzutage bei euch.“

„Aber wie soll das denn gehen?“, frage ich. „Schon heute – ohne Longevity – ist die [3][Ungleichverteilung von Vermögen] und Ressourcenverschwendung ein Skandal: Allein in Deutschland verursacht ein Mensch aus dem reichsten 0,1 Prozent jährlich 52-mal mehr Emissionen als ein Mensch aus den ärmsten 50 Prozent. Wenn die jetzt auch noch viel länger leben, wird es ja noch schlimmer!“

„Um das zu verhindern, wird eine progressive Supervitalsteuer eingeführt. Wer überlang lebt, muss mit jedem Jahr, das über das Durchschnittsalter hinausgeht, einen immer größeren Teil seines Vermögens als Steuer zahlen. So wird sichergestellt, dass die Reichen in ihrem langen Leben sukzessive an Reichtum und Einfluss verlieren. Und weil die meisten dieser Menschen sich selbst immer noch die Nächsten sind, bleiben sie lieber am Leben, als ihren Nachkommen Geld und Macht zu vererben. So geht die Schere zwischen Arm und Reich langsam, aber todsicher immer weiter zu.“

„Klingt theoretisch gut, aber wie kann der Planet denn 10 Milliarden Menschen aushalten, wenn die jetzt auch noch viel älter werden?“

„Das ist ja der Clou: Longevity funktioniert nur nachhaltig. Wer gesund alt werden will, muss genügsam sein, in einer intakten Natur und in einem stabilen sozialen Netz leben und nicht zu vergessen: positiv denken!“

„Dann hab ich ja ganz gute Karten“, sage ich.

„Was meinst du, wer mich auf die Idee gebracht hat, 100 Jahre in die Vergangenheit zu reisen?“

6 May 2026

[1] /EU-Kommission-prueft-Plattform/!6152226

[2] /Longevity-Forschung/!6171086

[3] /Umverteilung-von-Vermoegen/!6147293

AUTOREN

Theresa Hannig

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