taz.de -- Mangel an öffentlichen Toiletten: Staatlich geförderte Wildpinkelei

Das Modellprojekt für klimafreundliche Toiletten in Parks endet erfolgreich – wird aber trotzdem nicht verlängert. Ein Armutszeugnis für Berlin.

Bild: Nicht förderwürdig: Öko-Toiletten ohne Wasserspülung

Es klang zu schön, um wahr zu sein: Kostenlose, saubere Toiletten, für alle Geschlechter benutzbare Hockurinale, das Ganze noch dazu klimagerecht strom- und wasserautark betrieben. Ganze 24 solcher Toiletten haben in den letzten drei Jahren das Stadtleben in Berliner Parks und Grünflächen bereichert.

[1][Nun soll ein Großteil der klimafreundlichen Parktoiletten wieder verschwinden, weil das Pilotprojekt keine Anschlussfinanzierung bekommt.] Der Fall zeigt: Der Senat hat noch nicht verstanden, dass öffentliche Toiletten zur Infrastruktur einer modernen Stadt gehören.

Gerade in den wärmeren Monaten tummeln sich die Berliner:innen zu Hunderten in den Berliner Parks. Doch eine funktionierende, saubere Toiletten ist auf den meisten Grünflächen nur schwer zu finden. [2][Die Folgen sind bekannt]: Vor allem Männer nutzen wenig diskret die Vegetation als Aushilfstoilette. Frauen, nichtbinären, Inter- und Transpersonen bleibt häufig nichts anderes übrig, als den Harndrang zurückzuhalten oder lange Wege auf sich zu nehmen, wenn sie sich nicht dem Risiko sexualisierter Gewalt aussetzen wollen.

Das 2023 gestartete Pilotprojekt sollte diesem Missstand Abhilfe schaffen. Da es in den Parks oft keine Wasser- und Stromanschlüsse gab, sollten die dank Solaranlage und Trockentoiletten autarken Boxen die Lücke füllen. [3][Besonders für Menschen ohne Penis erfreulich: Hockurinale, die für alle Geschlechter nutzbar sind.]

Die Toiletten kamen gut an, wurden häufig genutzt. [4][In der Evaluation] bezeichneten Nutzer:innen die Ökoklos als sauber und praktisch. Der Senat verlängerte das Pilotprojekt um zwei Jahre, doch nun ist seit dem 1. April endgültig Schluss. Die Bezirke sollen nun die Kosten für die Instandhaltung übernehmen – sie wollen. Doch die sind knapp bei Kasse. Einem Bericht des Tagesspiegels zufolge sollen nur 8 der 24 Toiletten weiterbetrieben werden.

An Toiletten kürzt man nicht

Die Entscheidung erweckt den Eindruck, der Senat sähe öffentliche WCs als ein optionales Gimmick, das man sich angesichts knapper Kassen nicht leisten kann. Dabei ist die systematische Unterversorgung mit öffentlichen WCs ein Armutszeugnis für eine moderne Großstadt wie Berlin.

Es lässt sich ziemlich genau ermitteln, wie viele Toiletten es in einem Park braucht, damit niemand in den Busch oder ewig Schlange stehen muss. Wer hier viel genutzte WC wieder zurückbaut, plant Wildpinkeln mit ein und schließt Menschen aus, die zum Beispiel aufgrund chronischer Krankheiten auf Toiletten angewiesen sind.

Niemand käme auf die Idee, WCs in öffentlichen Gebäuden, Restaurants, bei Großevents, Festivals und Konzerten wegzukürzen, um Geld zu sparen. Nur für den öffentlichen Raum scheinen in Berlin andere Regeln zu gelten.

8 Apr 2026

[1] /Welttoilettentag-in-Berlin/!6130688

[2] /Fehlende-Klos-in-Berliner-Gruenanlagen/!5321875

[3] /Oeffentliche-Toiletten-in-Berlin/!5892512

[4] https://www.berlin.de/sen/uvk/mobilitaet-und-verkehr/infrastruktur/oeffentliche-toiletten/klimafreundliche-parktoiletten/

AUTOREN

Jonas Wahmkow

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