taz.de -- Fake News und Manipulation: Effektive Meme-Warfare

Im Krieg macht jetzt auch KI staatliche Propaganda, wobei Memes ihn als kalkulierte Kommunikationsinstrumente zu einer scheinbar harmlosen Unterhaltung machen.

Bild: Eine Frau schaut ein Video im Lego-Stil über den Iran-Krieg

Wer in den letzten Monaten soziale Medien genutzt hat, ist künstlich generierten Lego-Animationen über Militärschläge begegnet, die wie harmlose Internetkultur wirken, aber dennoch Millionen erreichen. Dahinter stecken jedoch keine Teenager, sondern Staaten.

Künstliche Intelligenz (KI) verändert nicht nur, was kommuniziert wird, sondern auch, wie politische Realität wahrgenommen wird. KI ist ein Werkzeug zur Inhaltserstellung und bestimmt über Plattformalgorithmen, welche Informationen Menschen erhalten, wie sie diese verarbeiten und bewerten. Diese Entwicklung vollzieht sich nicht nur in Wahlkämpfen oder auf den Konten anonymer Trolle. Sie findet heute auf den offiziellen Kanälen von Staaten statt, mitten im Krieg, in Echtzeit und mit millionenfacher Reichweite.

Im Kontext des [1][Krieges mit Iran] kann man sehen, wie alle Kriegsparteien damit begonnen haben, KI-generierte Inhalte als Teil ihrer offiziellen Kommunikation einzusetzen. Im Vordergrund stehen dabei Memes, also Medieninhalte, die sich vorrangig im Internet verbreiten und oft humorvoll oder satirisch sind.

Der Iran nutzt unter anderem Lego-Animationen, sogenannten KI-Slop, der minderwertige, massenhaft KI-erzeugte Inhalte ohne Mehrwert darstellt. Die USA teilen SpongeBob- und Iron-Man-Memes, um geopolitische Eskalationen zu kommentieren. Memes sind dabei keine Randerscheinung mehr, sondern ein kalkuliertes Kommunikationsinstrument.

Unfreiwillig zum Multiplikator einer staatlichen Botschaft

Das Kalkül dahinter ist einfach: Ein Lego-Format löst keine Abwehrreflexe aus. Eine Animation wirkt nicht wie eine Pressemitteilung des Außenministeriums. Genau das ist der Punkt. Die Flachheit dieser Inhalte ist das Prinzip. Inhalte, die unterhaltsam genug sind, um jeden kognitiven Widerstand zu umgehen, erreichen Zielgruppen, die klassische staatliche Kommunikation längst weggeklickt hätten.

Hinzu kommt ein Effekt, dessen politische Wirkung unterschätzt wird: Schadenfreude. Niemand, der den westlichen Diskurs beobachtet, steht hinter dem iranischen Regime. Und dennoch schauen viele gebannt auf iranische Meme-Propagandavideos, die die USA effektiv vorführen und ins Lächerliche ziehen. Man lacht, teilt und kommentiert. Dabei wird man unfreiwillig zum Multiplikator einer staatlichen Botschaft.

Was diese Inhalte so wirksam macht, ist nicht nur ihre Form, sondern auch ihre Verbreitung. Soziale Medien fungieren dabei als globaler Distributionsvektor. Offizielle Kanäle stellen die Inhalte bereit, doch die eigentliche Reichweite entsteht durch Millionen von Reshares, Reaktionsvideos und Kommentaren.

Besonders wirkungsmächtig sind dabei kurze Clips, da sie plattformübergreifend funktionieren, ohne Kontext konsumiert werden können und sich innerhalb von Stunden viral verbreiten. Dadurch können potenziell auch jene erreicht werden, die sich stark mit solchen Themen beschäftigen.

Meme-Warfare oder klassische Propaganda?

Ein außenpolitischer Referent, der sich tagsüber intensiv mit diplomatischen Analysen beschäftigt, stößt abends privat auf die iranischen Lego-Videos. Am nächsten Morgen sind die Memes noch in seinem Kopf, und zwar mindestens genauso präsent wie das tagespolitische Geschäft. Wer glaubt, professionelle Distanz schütze vor dieser Form der Beeinflussung, unterschätzt, wie tief sich unterhaltsame Inhalte ins menschliche Gedächtnis einschreiben.

Sprechen wir hier über [2][Meme-Warfare]? Oder über [3][klassische Propaganda]? Uns fehlen noch die richtigen Begriffe, um bestehende Konzepte anzupassen. Wann ist koordinierte staatliche Kommunikation eine Einflusskampagne und wann ist sie legitime Außenpolitik? Die alten Kriterien greifen nicht mehr, wenn Propaganda wie ein Meme aussieht und ein Meme wie Propaganda wirkt.

Was bleibt, ist eine dringende Aufgabe. Medienkompetenz im klassischen Sinne, Fakten prüfen, Quellen hinterfragen, greift hier zu kurz. Wer die Echtheit eines Lego-Clips prüft, verpasst die eigentliche Frage. Was wir brauchen, ist die Fähigkeit zu erkennen, wann Unterhaltung als Überzeugung arbeitet, bevor wir bereits mitgelacht haben.

Katja Muñozforscht bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) in Berlin zu sozialen Medien, KI, Demokratie und Sicherheit.

1 May 2026

[1] /Festnahmen-in-Iran/!6153702

[2] /Alman-Memes-im-Netz/!5659812

[3] /Propaganda-in-russischen-Filmen/!6174955

AUTOREN

Katja Muñoz

TAGS

Schwerpunkt Pressefreiheit

Schwerpunkt Iran-Krieg

Schwerpunkt Künstliche Intelligenz

Lego

Medienkompetenz

taz Panter Stiftung

Social-Auswahl

ARTIKEL ZUM THEMA

Forscherin über Politik und Emotionen: „Jede politische Debatte ist emotional“

Die Neurowissenschaftlerin Maren Urner findet, dass die Politik Gefühle stärker berücksichtigen sollte, sonst fühlten sich viele nicht gehört.

Schutz von Journalisten durch KI: Reale Infos von virtuellen Sprechern

In Venezuela überlebt der Journalismus Zensur und Repression mithilfe von ­Kooperationen, technologischer Innovation und der Unterstützung aus dem Exil.

Transnationale Repression: Wie Hanoi gegen Trung Khoa Lê in Berlin vorgeht

Der von Berlin aus publizierende deutsch-­vietnamesische Chefredakteur von Thoibao.de muss sich ständig gegen Angriffe der Regierung in Hanoi wehren. Ein Tagebuch.

Überwachung und digitale Sicherheit: Wie Peking alles unter Kontrolle hat

Chinas Zensurapparat ist aufgrund des technologischen Wandels so umfangreich wie in keinem anderen Land.

Open Source Intelligence im Ukrainekrieg: Mit neuer Technologie den Kriegsverbrechen auf der Spur

Der Einsatz von Open Source Intelligence (OSINT) ist in der Ukraine ein investigatives Instrument der Pressefreiheit. Straftäter können iden­tifiziert werden.

Technologie für Pressefreiheit: Mit Sprach­nachrichten im Radio lokale Missstände anprangern

In Südafrika können Lokalradios mit digitaler Technik ihre jeweiligen Gemeinschaften stärken, wie der Sender Alex FM in Johannesburg vormacht.

KI und die Oscars: Kein Preis für computergenerierte Schauspieler

Oscars können nicht an KI-Schöpfungen verliehen werden, gaben die Academy of Motion Picture Arts and Sciences am Freitag bekannt. Ähnliches gilt auch für Drehbücher.

Überwachung und digitale Sicherheit: Europäische Gesichts­erkennung für brasilianische Schulkinder

Eine slowakische Software scannt täglich Hunderttausende Kinder in Paraná. In Europa sind solche Systeme kaum denkbar – exportiert werden sie trotzdem problemlos.

Fake News und Manipulation: Mit KI-Pornografie gegen journalistische Integrität

Kritische Jour­na­lis­t*in­nen werden mit sexualisierten Deepfakes mundtot gemacht. Betroffen sind vor allem Frauen.

Plattformmacht und Regulierung: Transparenz gegen Werbemanipulation

Kein Verweis auf den Schutz der Pressefreiheit beim Entwurf für das Politische-Werbung-Transparenz-Gesetz (PWTG) der Europäischen Union (EU).

Propaganda im Irankrieg: Mit den eigenen Waffen geschlagen

Mit KI-Clips im Lego-Stil erreichen iranische Botschaften ein Millionenpublikum. Die Machart zeigt ein tiefes Verständnis amerikanischer Popkultur.

Konservative Journalisten: Kritisch bleiben für alle

Braucht der Journalismus mehr konservative Stimmen? Wer das fordert, bedient die Erzählung der Rechtsextremen von einer „linkslastigen Branche“.

Journalismus im Wandel: Führt die KI zum K.o. der Pressefreiheit?

Künstliche Intelligenz wird im Journalismus zum Hilfsmittel. Gleichzeitig erhöht sie den wirtschaftlichen Druck und verändert, wie wir die Realität wahrnehmen.

Tag der Pressefreiheit: Technik fordert Medien heraus

Medienkompetenz und die Regulierung von IT-Konzernen sind heute wichtiger denn je. Derweil hat sich die Situation für Journalisten weltweit verschlechtert.

Proxied content from gemini://taz.de/%216168052 (external content)

Gemini request details:

Original URL
gemini://taz.de/%216168052
Status code
Success
Meta
text/gemini;lang=de
Proxied by
kineto

Be advised that no attempt was made to verify the remote SSL certificate.