taz.de -- Syrien: Wie deutsche Unternehmen vom Wiederaufbau profitieren wollen

Die deutsche Wirtschaft hofft auf gute Geschäfte in Syrien. Doch Unternehmen aus anderen Ländern sind bereits deutlich schneller.

Bild: Der Wiederaufbau in Syrien hat bereits begonnen, hier eine Baustelle im Zentrum von Damaskus

Sie hoffe auf einen „florierenden Handel“ mit Syrien, betonte Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche am Montag bei einem Treffen deutscher Unternehmensvertreter und Verbandsvertreterinnen mit dem syrischen Präsidenten Ahmed al-Scharaa in Berlin. Damit sprach die CDU-Politikerin vielen deutschen Firmen aus der Seele.

„Die deutsche Wirtschaft hat ein großes Interesse, sich am Wiederaufbau Syriens zu beteiligen und die traditionell guten wirtschaftlichen Verbindungen wieder aufzunehmen“, berichtete Helene Rang [1][vom Nah- und Mittelostverein (numov]) der taz. Nach ihrer Teilnahme am Treffen mit al-Scharaa betonte sie das „große Potenzial“ des Wiederaufbaus.

Es komme nun auf eine strategische Positionierung deutscher Unternehmen im Levantestaat an, so Rang. Dabei sei es für hiesige Firmen von großem Vorteil, dass es sehr viele in Deutschland ausgebildete Fachkräfte gebe. 40 deutsche Unternehmen waren beim Gespräch mit al-Scharaa sowie den syrischen Wirtschafts-, Außen-, Energie- und Katastrophenschutzministern.

Mit einigen vorzeigbaren Ergebnissen: Siemens Energy, das einst das Kraftwerk Deir Ali in Syrien gebaut hat, möchte die Modernisierung syrischer Elektrizitätsanlagen prüfen. Der bayerische Baustoffhersteller Knauf unterzeichnete im Beisein al-Scharaas eine Absichtserklärung für den Bau eines Gipswerks. Erste deutsche Firmen, darunter zwei Speditionen, haben sich bereits in Syrien angesiedelt.

216 Milliarden Dollar werden benötigt

Die Zerstörungen in Syrien seien „gigantisch“, böten aber zugleich „große Möglichkeiten für einen Neuanfang“, erklärte al-Scharaa in Berlin. Reformen seien angestoßen, Gesetze geändert, um Unternehmen die Arbeit zu erleichtern. Die Weltbank schätzt den Finanzbedarf für den Wiederaufbau auf 216 Milliarden Dollar, ein Drittel davon allein für neue Wohnungen.

Die Bundesregierung unterstützt den [2][Wiederaufbau] über die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW). Im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) hat die KfW seit Anfang letzten Jahres Zuschüsse von 119 Millionen Euro bewilligt. Das Geld fließt über UNO-Organisationen in Projekte für Wasser- und Abwassersysteme, die Modernisierung von Krankenhäusern, die Wiederbelebung von Märkten und Handelszentren sowie den Wiederaufbau von Mühlen, Silos, Schlachthöfen und Spinnereien.

Syriens Regierung hat bereits eine Währungsreform umgesetzt – mit neuen Banknoten ohne das Konterfei des gestürzten Diktators Baschar al-Assad und zwei gestrichenen Nullen. Nach der Aufhebung westlicher Sanktionen gelang es zudem, syrische Banken wieder an das internationale Zahlungssystem Swift anzuschließen. Ein syrischer Staatsfonds, der „Sovereign Fund“, wurde gegründet, allerdings unter der persönlichen Leitung al-Scharaas.

Während die deutsche Wirtschaft in den Startlöchern steht, sind vor allem die Golfstaaten schon einen Schritt weiter: Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und Katar haben Investitionen von über 28 Milliarden Dollar angekündigt. Geplant sind unter anderem zwei neue Flughäfen in Damaskus und Aleppo, eine Metro in der Hauptstadt, Luxushotels, Wohnhochhäuser, Kraftwerke, Wasserentsalzungsanlagen und eine saudisch-syrische Fluggesellschaft. Auch [3][US-] und türkische Firmen haben Milliardenprojekte angekündigt.

Viele Unternehmen sind noch skeptisch

Im Bertelsmann Transformationsindex (BTI) der gleichnamigen Stiftung, mit dem weltweit politische Reformen gemessen werden, hat Syrien die größte Verbesserung im Bereich „politische Transformation“ unter allen 137 untersuchten Ländern verbucht. Allerdings blieben „die meisten Fortschritte oberflächlich“.

Es würden „sehr viele Versprechen“ gemacht, berichtete eine syrische Unternehmerin der taz unter der Bedingung, nicht namentlich zitiert zu werden. Doch: „Persönliche Freiheiten werden eingeschränkt, Unternehmen von Christinnen und Christen wurden geplündert. Syrien entwickelt sich in Richtung Afghanistan.“

Die unter Assad grassierende Korruption sei nicht besser geworden, sagte ein anderer Firmengründer. Statt eines Bruchs mit der Vergangenheit belebe man alte Praktiken wieder. Entscheidungen fälle ein enger Kreis, in dem Loyalität mehr zähle als Kompetenz.

„Nach 55 Jahren sozialistischem Regime, 14 Jahren Krieg und 12 Jahren harten Sanktionen kann man nicht alle nötigen Reformen und eine unabhängige Justiz binnen eines Jahres erwarten“, meinte indes Nadim Moujaes, General Manager der syrischen Fransabank. Der Banker ist überzeugt: „Man muss investieren, solange man den Hall vom Kanonendonner noch hört. Und das ist jetzt.“

Al-Scharaa schätzt Syriens Bruttoinlandsprodukt für dieses Jahr auf 60 bis 65 Milliarden Dollar. Den Staatshaushalt für 2026 beziffert er auf 10,5 Milliarden Dollar. Für den Wiederaufbau bleibt Syrien damit auf ausländische Investitionen angewiesen – trotz wieder aufgenommener Ölexporte.

30 Mar 2026

[1] https://www.numov.de/

[2] /Wiederaufbau-in-Syrien/!6063941

[3] /US-Interessen-in-Syrien/!6128887

AUTOREN

Mathias Brüggmann

TAGS

Ahmed al-Scharaa

Friedrich Merz

Schwerpunkt Syrien

Wirtschaft

Katherina Reiche

Social-Auswahl

ARTIKEL ZUM THEMA

Das neue Syrien: Kommt das Alkoholverbot in Damaskus?

Im März erklärte die Provinzverwaltung der Kapitale: Nach 3 Monaten solle der Ausschank von Alkohol verboten werden. Doch bislang hat sich nichts verändert.

Kanzler Merz über Sy­re­r*in­nen: Brutal und selbstzerstörerisch

80 Prozent der Sy­re­r*in­nen sollen gehen, sagt Kanzler Merz. Kurz darauf rudert er zurück. Doch ist das glaubwürdig?

Deutsche Visapolitik: „Jede behördliche Verzögerung kann Hoffnung zerstören“

Seit fast einem Jahr bearbeitet die Deutsche Botschaft in Teheran deutlich weniger Visumsanträge. Die Leidtragenden in Iran hoffen dennoch weiter.

Der syrische Präsident in Berlin: Die Bundesregierung schafft neue Fluchtgründe

Der Kanzler empfängt Ahmed al-Scharaa. Um Rückführungen syrischer Geflüchteter nicht zu gefährden, vermied es Merz, Menschenrechte anzusprechen.

Syriens Übergangspräsident in Berlin: Nette Worte, damit die Geflüchteten wieder gehen

Kanzler Merz empfängt Ahmed al-Scharaa in Berlin: Thema sind Wiederaufbau, Menschenrechte – und dass 80 Prozent der Sy­re­r:in­nen zurückkehren sollen.

Staatsbesuch aus Syrien: Vergesst die Zivilgesellschaft nicht!

Deutsch-syrische Organisation kritisiert mögliche Abschiebedeals und fordert die Bundesregierung auf, lokale Netzwerke vor Ort zu unterstützen.

WTO-Konferenz in Yaoundé: Die große Reform bleibt aus

Alte Konflikte dominieren die WTO-Ministerkonferenz in Kamerun, doch manche Mitglieder setzen auf Abkommen von Willigen, etwa beim digitalem Handel.

Proxied content from gemini://taz.de/%216167033 (external content)

Gemini request details:

Original URL
gemini://taz.de/%216167033
Status code
Success
Meta
text/gemini;lang=de
Proxied by
kineto

Be advised that no attempt was made to verify the remote SSL certificate.