taz.de -- Die Wahrheit: Die Osterhasenverschwörung

Manche Psyche wehrt sich strikt, dass sie in ihrer Kindheit Opfer des fanatischen Spieltriebs der Eltern, etwa an Ostern, gewesen sein soll.

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Erste Erfahrungen mit Fake News? In der Kindheit. Babys bringt der Storch, an Weihnachten kommt der Weihnachtsmann durch den Kamin mit Geschenken. In anderen Familien schaut ein sogenanntes Christkind vorbei, das Geschenke unter einem Baum drapiert. An Ostern macht das der Hase. Er versteckt was im Garten.

Jenseits von Weihnachten und Ostern lesen gute Eltern den Kindern am Abend Geschichten vor. So erhalten die Kenntnis von einer Wohngemeinschaft mit sieben Zwergen, die hinter sieben Bergen leben. In einer anderen Geschichte werden Kinder als Alkohollieferanten eingesetzt. Sie bringen ihrer Oma Wein. Die Oma wird später vom Wolf gefressen. Eine andere Oma in Hexengestalt wird von einem Geschwisterpaar verbrannt. All solches ist die glückselige Lebenswirklichkeit von Kindern.

Im Normalfall entwickeln sich Kinder weiter. Sie erfahren im Sexualkundeunterricht, dass Kinder durch Zellteilung entstehen, für die wiederum vorher ein kopulativer Akt nötig ist – also Ficken. Sie finden heraus, dass der Weihnachtsmann immer der eigene Vater war und dass die Wunschzettel nicht ans Christkind, sondern direkt an Amazon von den Eltern weitergemailt wurden.

Das ist der Normalfall. Kinder lernen Fakten und Fiktion auseinanderzuhalten. Sie entwickeln Quellenkompetenz und ein Gefühl für Plausibilität. Falls es in Richtung Erwachsenwerden normal läuft. Läuft es aber nicht bei allen.

Garstige Realität? Nein, danke!

Denn da gibt es Menschen, deren Psyche sich strikt wehrt, dass sie in ihrer Kindheit Opfer des fanatischen Spieltriebs der Eltern gewesen sein sollen. Diese garstige Realität kommt manchen so absurd vor, dass ihre Psyche sie schlicht nicht akzeptiert. Vor allem, weil es auch für Erwachsene Ausweichmöglichkeiten aus der Realität gibt.

Anstelle der Märchenbücher tritt Xavier Naidoo. In dessen Welt werden keine Omas von Wölfen, dafür Babys von Eliten gefressen. Aber nicht vollständig, einen Teil der Babys braucht man, um Gewürzmittel für Kartoffelchips herzustellen. Über den Nutri-Score weiß Naidoo hingegen leider nichts. Neben Naidoo konsumieren diese Erwachsene gern auch die Geschichten von Russia Today, KenFM oder die guten alten Telegram-Kanäle von Attila Hildman, der mittlerweile tatsächlich hinter vielen, vielen Bergen lebt.

Und sollte man durch sexuelle Unachtsamkeit doch am eigenen Leib Zellteilungsphänomene erleben und Leibesfrüchte ernten, ohne dass ein Klapperstorch im Spiel gewesen wäre, holt einen zumindest Beatrix von Storch wieder in die Welt der Trolle, Elfen und des Rumpelstilzchen zurück. Ja, von Storch, die der Sonne die Schuld am Klimawandel gibt, weil sie zu heiß scheint.

Es ist dies eine Welt, die von der Glückseligkeit der Fake News beherrscht ist. Ihre Einwohner haben sich ein Stück Kindheit bewahrt. Denn tief in ihrer Seele vermissen sie selbstverständlich nur den Osterhasen.

31 Mar 2026

AUTOREN

Günter Flott

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Kolumne Die Wahrheit

Ostern

Fake News

Verschwörungsmythen und Corona

Verschwörungsideologie

Xavier Naidoo

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