taz.de -- Neuer Polizeiruf: Ein Krimi wie eine gute Aioli?

Die Zutaten für einen guten spannenden Krimi sind im neuen „Polizeiruf“ vorhanden. Doch geht das Rezept beim Świecko-Polizeiruf auf?

Bild: Hier ermitteln die Kriminalkommissare Vincent Ross (André Kaczmarczyk, rechts) Karl Rogov (Frank Leo Schröder, links)

Antizipation ist ein unterschätztes Gefühl. Es ist einer der berauschendsten Zustände, in die man kommen kann. Antizipation, das sind die drei Millisekunden, bevor man das Rubbellos komplett freigerubbelt hat. Die drei Millisekunden, bevor man die Mail aufmacht, in der steht, ob man den Job gekriegt hat – oder das Stipendium, die Wohnung … in der Antizipationsszeit ist alles gleichzeitig möglich: Glück und Tragödie. Da gehen die Nerven in Krisenvorbereitungsmodus, feuert das Dopamin, sind wir hellwach. Das ist Stress pur, aber auch geil.

Im Krimi nennen wir dieses Gefühl „Spannung“, aber es ist genau das: berauschender Antizipationsstress. Derselbe Stressrausch ist wahrscheinlich dafür verantwortlich, dass wir uns stundenlang durch soziale Medien scrollen, ganz egal, wie grausam und dumm. Es ist derselbe, den die Raucherin empfindet, kurz bevor sie an der überfälligen Zigarette zieht. Oder der Spielsüchtige, bevor die Würfel zum Liegen kommen.

Rauchen und Spielen sind übrigens beides Themen im Świecko-„Polizeiruf“ diese Woche. Merken Sie sich das, denn zu Beginn wird beides nur subtil eingestreut. Zunächst geht es scheinbar um etwas anderes, nämlich Schmuck. Eine Bande von Maskierten raubt seit Wochen Schmuckgeschäfte in Brandenburg aus. Bislang arbeiten sie dabei schnell und sauber: rein, raus, Klunker weg, niemand verletzt.

Aber dieses Mal ist es anders: Der Potsdamer Juwelier Michalski ist tot, erschossen. Die Kommissare Ross (André Kaczmarczyk) und Rogov (Frank Leo Schröder) müssen rauskriegen, warum. Im Umfeld der Familie Michalski scheint es eine Verbindung zu den möglichen Täter:innen zu geben. Es könnte also noch weitere Motive geben als bloße Gier.

Sie merken schon, damit sind wir in einem klassischen Krimi-Subgenre gelandet, dem Rätselplot, dem „Whodunnit“. Heißt: Die Antizipation der Krimifans wird gekitzelt durch das Träufeln von Information, nach und nach. Idealerweise passiert das mit Feingefühl, wie beim handgemachten Aioli, nicht zu langsam, nicht zu schnell, sodass wir ständig auf der Couchkante sitzen und antizipieren, ohne genau zu wissen. Nur wenn unser Kenntnisstand immer eine Haaresbreite hinter dem der Täter:innen liegt, aber vor dem der Kommissare, dann ist die Spannung perfekt.

Es ist etwas schiefgelaufen

Wie trügerisch schwierig es ist, dieses Feingefühl, das zeigen leider die ersten zwei Drittel dieses [1][„Polizeirufs“]. Die Zutaten sind da, aber irgendwas ist schiefgelaufen beim hastigen Verrühren von Buch, Regie und Schnitt. Denn die Familienkonstellation der Michalskis ist uns, den Zuschauenden, schon viel zu früh klar. Bei Ross und Rogov fällt der Groschen meist erst zehn Minuten später, und diese zehn Minuten sind dann natürlich das Gegenteil von Spannung.

Im letzten Drittel gewinnt der Film dann an Tempo und baut tatsächlich noch mal eine richtige Antizipation auf. Das kriegt man aber nur mit, wenn man pflichtschuldig bis zum Showdown mitdümpelt.

Man kann das als Scheitern begreifen. Oder man betrachtet es von einer anderen Seite: Vielleicht sind die Medien, die uns umgeben, längst zu voll mit Antizipationsrausch. Feeds in sozialen Medien sind ja nicht die einzigen Schuldigen.

Ein Netflix-CEO wird seit Jahren gerne mit dem Bonmot zitiert, Netflix’ größter Konkurrent seien nicht andere Streamer, sondern – der Schlaf. Medien scheinen vor allem eines zu wollen: uns wach halten, zur Not die ganze Nacht. Eine Welt, die nur aus Cliffhangern besteht. Journalistische Texte sind keine Ausnahme, sie kitzeln gerne die Antizipation. Dieser hier auch.

Kein Platz für Spannung

Vielleicht ist „Goldraub“ also Avantgarde einer Gegenbewegung? Slow Television? Postspannung? Etwas, das wir in Zukunft zu schätzen wissen, wenn es uns, übermüdet von den permanenten Muntermachern, nach Kunst dürstet, die langweilt? Das würde passen zu einem unkonventionellen Kommissar wie Vincent Ross, dessen Tempo man als „sachte schreitend“ beschreiben könnte, und seine Methoden als therapeutisch.

Aber vielleicht ist da zu viel guter Wille unterstellt. Vielleicht haben wir es einfach mit einem Krimi zu tun, der misslungen ist. Entscheiden Sie selbst, am Sonntag. Ich sehe, Sie zittern schon vor lauter Antizi…

29 Mar 2026

[1] /Neuer-Polizeiruf-aus-Muenchen/!6157028

AUTOREN

Peter Weissenburger

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