taz.de -- Bremer Kneipe Gleis 11: Am Bahnhof einen heben (oder zwei)
Wer in Bremen den Zug verpasst, findet Trost im Gleis 11. Zwei taz-Kollegen haben es unfreiwillig ausprobiert und wären dann doch auch länger geblieben.
Bild: Mag sein, dass es im Gleis 11 nicht nur um Bier geht. Aber eine wichtige Rolle spielt es schon
Der Bremer Hauptbahnhof hat zehn Gleise. Nein, elf. Hinter dem zehnten kommt eine ganze Weile gar nichts. Und dann, kurz vor dem Ausgang zur Bürgerweide, Gleis 11. Von hier fährt allerdings niemand ab. Eher im Gegenteil, so mancher ist hier gestrandet. Temporär wie wir, als uns der Regionalzug nach Hamburg vor der Nase weggefahren ist. Oder auch ein bisschen grundsätzlicher.
Gleis 11 ist eine Kneipe im Bahnhof. Der Rauch beißt in der Lunge und trübt ein wenig die Sicht auf das Geschehen. Das ist unübersichtlich, eine kribbelnde Unruhe liegt in der Luft. Viele Männer und nur sehr wenige Frauen auf wenig Raum. Da hinten scheint etwas in Bewegung zu geraten. Das ist kein bierseliges Schunkeln, dafür ist es zu schnell, zu eckig.
Das ist so eine Situation, von der man gern wüsste, ob diese neue KI anschlüge, die angeblich Gewaltausbrüche schon in der Entstehung erkennt. Die Tresenfrau braucht keine KI dafür, ihr stehen die Jahrzehnte Erfahrung ins Gesicht geschrieben. Wie aus dem Nichts steht sie plötzlich im Zentrum der Unruhe, ohne dass man sie hätte kommen sehen. Mit resoluter Geste schiebt sie ein paar Männer auseinander. Die mahnenden Worte müssen wir uns dazudenken. Zu laut dröhnt ein „Uffze-uffze“ aus den Boxen.
Der Tresen schlängelt sich wie ein U mit abgeknickten Ecken durch den Raum, um möglichst viele Thekenplätze zu offerieren. Denn viele der Männer sind ganz allein hier, manche sogar mutterseelenallein. Sie haben niemanden, mit dem sie sich an einem Tisch gegenübersitzen könnten.
Der sehr große Mann neben uns hält seine sehr große Hand zum Einschlagen hin und ruft freudig: „Nur der HSV!“ Ich murmele nur: „Schwierig.“ „Ach, mit euch ist doch nichts los gerade, eure Jungs kriegen doch gar nichts auf die Kette“, antwortet er, „Werder, ne?“ „Nee, schlimmer.“ Er weicht kurz zurück, stellt den leicht glasigen Blick scharf, [1][dann dämmert es ihm: „St. Pauli?“] Ein Nicken. „Ach, macht doch nichts. Hauptsache, Hamburger!“ Jetzt hilft nichts mehr – einschlagen, sonst wird’s ungemütlich.
Neben ihm steht ein dürrer, sehr jung aussehender Mann, er könnte vom Horn von Afrika stammen, vielleicht aus Somalia. Trotz seiner dunklen Hautfarbe sieht er blass aus. Er scheint leicht zu lächeln, wirkt dabei irgendwie verloren. Aber unser HSV-Freund nimmt ihn von Zeit zu Zeit in den Arm. Bis er zum Zug muss.
Da hinten geht es schon wieder los: Masse Mann gerät in Bewegung. Mindestens einer sucht Ärger, ein anderer hält ihn an den Schultern zurück, so gut er kann. Plötzlich sind Polizist:innen da, eine Handvoll, in Schutzkleidung. Geht’s jetzt rund? Aber die Uniformierten tänzeln durch die Menge bis zum Unruhestifter, hören sich kurz in die Lage ein und bugsieren ihn dann mit sanftem Druck zur Tür. Die zwei Securitys, die vermutlich die Verstärkung gerufen haben, schließen sehr bestimmt die Schiebetür. Durch die Scheiben sieht man, dass der Mann noch eine kleine Ansprache kassiert – und dann unbehelligt seiner Wege zieht.
Drin sind alle schon wieder mit sich beschäftigt. Inmitten des Tresen-Us steht ein feiner Herr mittleren Alters mit Weste und Krawatte. Mit sparsamen Gesten scheint er das Geschehen zu dirigieren. Vermutlich der Wirt.
Ein Mann beklagt sich lautstark, sein Nebenmann habe aus seinem Bier getrunken. Der hatte die ganze Zeit geschlafen, auf einem Barhocker, der Kopf auf die Brust gesunken. Offenbar ist er plötzlich aufgewacht und hat nach dem nächstgelegenen Glas gegriffen. Jedenfalls kauft er dem Geschädigten klaglos ein neues Bier. Der bringt es auf dem frei gewordenen Platz neben uns in Sicherheit und schimpft eine Weile vor sich hin: „Unglaublich, einfach getrunken!“ Die resolute Tresenfrau bedeutet dem dünnen Afrikaner gestenreich, dass der Abend für ihn vorbei ist. Sein Delikt ist nicht klar erkennbar. Er ignoriert sie. Und der Mann mit dem neuen Bier sagt: „Lass doch, der macht nix.“
Doch plötzlich kippt die Stimmung. Offenbar hat der junge Bier umverteilt. Es ist nicht genau zu erkennen, ob er was von seinem in das seines Verteidigers gekippt hat oder umgekehrt. Der jedenfalls wird fuchsteufelswild, schubst den Bierpanscher nach draußen. Zack, wieder ist die Schiebetür zu.
Wahrscheinlich geht das noch stundenlang so, es ist ja noch nicht mal elf. Aber wir müssen leider los.
25 Jul 2026
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AUTOREN
Jan Kahlcke
Schwerpunkt Stadtland
Kolumne Großraumdisco
Kneipe
Bahnhof
Bremen
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