taz.de -- Wahlen in Nepal: Rapper fordert das Establishment heraus
Balen Shah, einst parteiunabhängiger Bürgermeister von Kathmandu, gilt als Gesicht des Generationenwechsels. Nun könnte er nächster Premier Nepals werden.
Bild: Ex-Rapper, Ex-Bürgermeister Kathmandus und jetziger Spitzenkandidat der Antikorruptionspartei RSP: Balendra „Balen“ Shah
Mit Glöckchen in der Hand, dem Symbol ihrer Partei, sind in den letzten Tagen Wahlhelfer:innen der Nationalen Unabhängigkeitspartei (RSP) durch Nepals Straßen gezogen. Im östlichen [1][Wahlkreis Jhapa 5], lange Hochburg des mehrfachen Premierministers Sharma Oli (Kommunistische Partei Nepals-Vereinigte Marxisten-Lenisten, CPN-UML), fordert ihn der weniger als halb so alte Balendra „Balen“ Shah heraus.
Der 35-Jährige war bis Januar für knapp vier Jahre parteiunabhängiger Bürgermeister der Hauptstadt Kathmandu. Davor war er Bauingenieur und rappte erfolgreich über Arbeitsmigration, soziale Ungleichheit und den Wunsch nach politischer Veränderung. Auch als Bürgermeister tritt er immer mit einer dunklen Sonnenbrille auf. Er führte Live-Übertragungen von Stadtratssitzungen ein, regelte die Müllabfuhr neu und ging streng gegen illegale Bauten, Squatter-Siedlungen und Straßenhändler vor. Dafür wurde er auch kritisiert. Er gilt vielen als Gesicht des Generationenwechsels und als Projektionsfläche für die Unzufriedenheit der Generation Z, die Korruption und politisches Dauerpersonal satthat.
An diesem Donnerstag sind 19 der 30 Millionen Nepales:innen aufgerufen, ein neues Parlament mit 275 Sitzen zu wählen, davon 165 direkt. Fast ein Drittel der Kandidierenden sind jünger als 40, doch [2][Frauen] bleiben unterrepräsentiert. Zwar müssen laut Verfassung mindestens ein Drittel der Abgeordneten weiblich sein, doch stellen die Parteien selbst nur maximal zehn Prozent Frauen auf. Die Quote wird dann erst entsprechend der prozentualen Sitzverteilung umgesetzt.
Die Wahlen folgen ein halbes Jahr nach dem Sturz des 74-jährigen Regierungschefs Oli, ausgelöst von [3][Gen-Z-Protesten] gegen Korruption. Als die Regierung im September 2025 soziale Netzwerke blockieren wollte, eskalierte die Lage. [4][77 Menschen] starben, auch durch [5][Schüsse von Sicherheitskräften]. Der Druck der Straße zwang Oli zum Rücktritt. Eine Übergangsregierung unter der früheren Gerichtspräsidentin Sushila Karki bereitete jetzt die Wahl vor.
Doch eine Gen-Z-Partei entstand nicht. Stattdessen bekam die RSP als Antikorruptionspartei Zulauf und fordert die etablierten Kräfte heraus. Der Analyst Santosh Poudel Sharma vom Nepal Institute for Policy Research (NIPoRe) sieht jetzt Balen Shah vorn, der sich inzwischen der RSP anschloss: „Er ist landesweit populär.“ Eine RSP-Mehrheit hält er für unwahrscheinlich. „Aber wenn sie stärkste Kraft wird, werden andere Parteien wohl keinen Anspruch auf das Amt der Premiers stellen.“ Schon 2022 hatte die kurz zuvor gegründete Partei bei Wahlen mehr als 10 Prozent der Stimmen gewonnen.
Der alteingesessene Nepali Congress (NC) setzt auf Gagan Thapa, 49, ein Vertreter der jüngeren Parteigeneration, der weiterhin öffentliches Ansehen genießt. Er stehe laut Analyst Sharma für einen „Neustart“ der Partei. Doch auch der NC regierte in den vergangenen Jahren mit. Zwischen RSP und NC zeichnet sich nun ein Duell zwischen Aufbruchsrhetorik und reformiertem Establishment ab.
„Seit meiner Kindheit sehe ich im Kern dieselben drei Männer – Oli, [6][[Maoistenführer] Pushpa Kamal Dahal] und Sher Bahadur Deuba – an der Macht“, klagt Kareena Karina Puri, 24, Juraabsolventin und Sportlerin aus Bagmati. Sie engagiert sich für Gleichberechtigung im ländlichen Nepal. Für ihre Generation gehe es nicht nur um neue Gesichter, sondern um Rechenschaft, so Puri: „Wir wollten nie bloß die Wahl vorziehen. Wir wollen echte Maßnahmen gegen Korruption.“
Puri bleibt populistischen Versprechen gegenüber skeptisch, auch bei Balen. Die RSP profitiert von der Wut junger Menschen, doch ein klares Regierungsprogramm sehen Beobachter bisher kaum. Puri wünscht sich „gebildete und erfahrene Persönlichkeiten“, die Nepals Balance zwischen Indien und China halten können. Hoffnung setzt sie eher auf reformorientierte Kräfte. Olis Rücktritt nennt sie „den größten Erfolg der Bewegung“.
Nepal bleibt fragil: hohe Jugendarbeitslosigkeit, niedrige Löhne und Korruption. Über [7][3 Millionen] Nepales:innen arbeiten im Ausland, fast 2 Millionen davon in den Golfstaaten. Die fragile Wirtschaft lebt von Importen und Geldüberweisungen der Diaspora, was Abhängigkeiten schafft. Kehrten womöglich nur 10 Prozent von ihnen aufgrund des Kriegs am Golf zurück, wäre das eine enorme Herausforderung, so Sharma. Seit dem Ende der Monarchie 2008 ist die junge Demokratie Nepal von häufigem Regierungswechsel gezeichnet.
5 Mar 2026
LINKS
[1] https://risingnepaldaily.com/news/74770
[2] https://kathmandupost.com/politics/2026/01/21/parties-deny-women-fair-share-of-fptp-candidates
[3] /Nepals-Zukunft/!6122661
[4] https://kathmandupost.com/politics/2026/03/01/gen-z-activists-optimistic-but-not-satisfied-with-parties-poll-agendas
[5] https://www.hrw.org/de/news/2025/09/09/nepal-polizei-eroeffnet-feuer-auf-gen-z-proteste
[6] /Neue-Regierung-im-Himalajastaat/!5905462
[7] https://english.nepalnews.com/s/business/labor-destinations-of-nepalis-have-changed-but-government-policies-remain-the-same/
AUTOREN
Natalie Mayroth
Nepal
Monarchie
Maoisten
Kommunisten
Rapper
Schwerpunkt Korruption
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