taz.de -- Neues Hörspiel-Album von Frau Kraushaar: Eine Phänomenologie des Riechkolbens
Zum Start der Allergie-Saison veröffentlicht die Hamburger Künstlerin Frau Kraushaar ihr Album „Gurke Kartoffel Ahnung“ über die Nase und ihre Tücken.
Bild: Immer der Nase nach: Frau Kraushaar
Zuerst ist da ein kaum merkliches Kitzeln in der Nase. Dann verengen sich die Augen, der Körper bäumt sich auf, man atmet hastig ein. Herrje, jetzt geht es los. Der Niesreiz sagt laut Hatschi!
Die Künstlerin Frau Kraushaar aus Hamburg bezieht aus ihrer Hausstauballergie Inspiration für ihr neues Album „Gurke Kartoffel Ahnung“ von dem Zinken im Gesicht, der so viele Namen hat: Gurke, Kartoffel. Wenn man eine Ahnung von etwas hat, fasst man sich an die Nase. Die ständigen Niesanfälle lösten einen entrückten Zustand aus, eine „richtige Ohnmachtssituation“, erklärt Frau Kraushaar. Also recherchierte sie zur Nase, bis sie einen Ordner hatte mit so viel Material wie zehn Jahre Steuerunterlagen.
„Niesen ist ein Berg“, sagt eine Stimme, „Niesen is a place in Thun“, sagt eine andere und weist auf einen Schweizer Berg hin. Im Song „Tschi Tschi“ drehen die Sätze Kreise, stoisch repetitiv „unterhalten“ sich die Schauspieler Harald Burmeister und Philipp Meyer von Rouden. Frau Kraushaar hat daraus ein Stimmengewirr arrangiert, in das sich Niesgeräusche einfügen.„Gurke Kartoffel Ahnung“ ist keine stromlinienförmige Songsammlung, mal Klanginstallation, mal Hörspiel, unterläuft das Album gängige Hörgewohnheiten.
Frau Kraushaar ist die Kunstfigur von Silvia Berger, 1975 geboren und aufgewachsen in Regensburg. Mit 14 Jahren sang sie in einer Postpunk-Band und entzog sich dem Druck, als Mädchen hübsch aussehen zu müssen: „In der Pubertät habe ich gemerkt, dass es Codes gibt für soziale Teilhabe. Ich fand es fragwürdig, wie viel Frauen bedienen müssen und sich dann auch noch darüber freuen, konform zu sein“, sagt sie. Und Berger betont dabei, dass das „Bedürfnis danach ganz klar da ist, weil man ein soziales Wesen ist. Man möchte Teil einer Gemeinschaft sein. Gleichzeitig hat das einen Preis.“ Kreativität wurde ihr Ausdruck: „Auf einmal waren zwei Sachen da: Kunst und Musik.“
Murmeln mit Madeleine
Ihr Song „Madeleine“ widmet sich dem Madeleine-Moment Prousts, der unvermittelt auftauchende Erinnerungen, ausgelöst durch Geschmack und Geruch, erlebt. Sein Gitarren-Intro erinnert an Indie-Pop; Element of Crime und Kate Nash treffen sich auf einen Kaffee. Frau Kraushaar murmelt dazu und lässt ihre Stimme dahinschweben wie eine irisierende Seifenblase, die immer höher fliegt und dann ansatzlos platzt – paff.
Dann wird es ruhiger. Eine mittelalterlich klingende Flöte läutet eine Arie auf die Nase unserer Liebsten ein. Es wird melancholisch romantisch in „Ton Nez“. [1][Die Assoziation]: Man liegt neben einem Menschen und ist irre verliebt. Starrt diese Person an und kann kaum fassen, wie schön sie ist. „Deine Nase macht mich verrückt“, singt Frau Kraushaar. Verliebt sein ist so schön.
„Running Nose“ führt in einen Klassenraum voller Blockflötenschüler, während Frau Kraushaar von Schnupfen und vom Wegrennen singt. Die Dissonanz der Flöte ist gewollt, denn Frau Kraushaar mag die arabische Tonleiter aus Halbtönen. „Der schräge Ton hat eine Funktion“, sagt sie, „weil er einen woanders hinbringt.“ Er fordert das Ohr aber auch ordentlich heraus.
Ekstase in der Nacht
Berger kam im Jahr 2000 nach Hamburg. Sie war angetan vom intellektuellen Zustand der Indieszene, der ironischen Coolness, der hedonistischen Ausgehkultur als spätem Ausläufer der „[2][Hamburger Schule]“. Die Sterne, Rocko Schamoni, [3][DJ Koze] – alles näher und erfahrbarer als in Bayern. Sie fing in der Minibar im „Molotow“ an, gründete den Montagsklub. Es gab Performance, Kino, Kunst. An der Tür von Bergers Atelier hängen alte Zeichnungen und Flyer aus der Anfangszeit.
Frau Kraushaar kreiert mit ihrem neuen Album ein buntes Konstrukt. Am ehesten orientiert sich „Hässliche Försterin“ noch an konventionellen Liedstrukturen. Und klingt dabei nach Mario Kart und Orchestral Manoeuvres in the Dark. Sie entführt in „The Big Hatschi“ mit Orgelklängen in eine sakrale Kulisse und niest sich in „Phänomenologie der Nase“ die Seele aus dem Leib. Man möchte konstant „Gesundheit“ wünschen.
„Gurke Kartoffel Ahnung“ ist eine künstlerische Gratwanderung, so muss man es auch betrachten, um nicht irritiert zu sein von seinen Regelbrüchen. Hörspiele erschaffen Welten. Genau das erreicht auch Frau Kraushaar.
5 Mar 2026
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AUTOREN
Karoline Gebhardt
Riechen
Album
Musik
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